Ohne Titel
Object Description
Kupferstiche aus dem 19. Jahrhundert und Illustrationen zu viktorianischen Novellen oder aus populären Wissenschaftsmagazinen waren die Grundlagen für Cornells ab circa 1930 entstandene Collagen. Der künstlerische Autodidakt hatte seit Anfang der 1920er-Jahre einen großen Fundus an Material zusammengetragen, das er auf seinen Streifzügen durch die Antiquitäten- und Buchläden New Yorks entdeckt hatte. Etwa 120 solcher Collagen schuf der US-Amerikaner in den 1930er-Jahren. Die vorliegende zeigt eine Frau vor einer zerklüfteten Küstenlandschaft, die – an Hals und Bauch angekettet – an einem Pfahl lehnt, den hohe Flammen umlodern. Unheilschwer nähern sich Raben über dem stillen Meer, am linken Ufer liegt ein verlassenes Boot. Die Frau selbst wirkt ruhig und gefasst. Auf dem Kopf trägt sie eine mit einem Dämon versehene Haube. Ist sie, wie die Raben vermuten lassen, eine Hexe – oder eine Märtyrerin, die ihr Schicksal gelassen hinnimmt? Wie die Szenerie zusammengesetzt ist, lässt sich schwer erkennen und noch schwerer deuten. Cornells Blatt erinnert an Max Ernsts Collagenroman „La Femme 100 têtes“ (Die hundertköpfige/kopflose Frau, 1929), allerdings ohne die provokant erotischen Bezüge. In der Tat war Cornell ab Mitte der 1920er-Jahre auf die Pariser Surrealisten aufmerksam geworden. Im Januar 1932 stellte er erstmals gemeinsam mit ihnen auf deren erster Übersichtsschau in der New Yorker Galerie von Julien Levy aus. Dort trat er jedoch nicht mit seinen Collagen hervor, sondern mit kleinen verglasten Boxen, in denen er das poetische Spiel mit Grafiken, Zeitungsausschnitten und Fundstücken ins Dreidimensionale übersetzte. | Maike Steinkamp