Zucker gibt Kraft
Object Description
Auf diesem Plakat von Paul Telemann verschmelzen zwei Arten der Süße – die kindliche und die industriell erzeugte – zur Bewerbung eines der bedeutendsten Konsumgüter der Moderne: Zucker. Die Darstellung von 1912 zeigt einen blonden kleinen Jungen in rot-grüner Kleidung. Das Gesicht mit den roten Pausbäckchen und dem verschmitzten Lächeln lässt das Kind fast puppenhaft erscheinen. Mit beiden Armen umklammert es einen überdimensionierten Zuckerhut, der in blaues Papier gehüllt und mit einer Kordel verschnürt ist. Die Verpackung ist an der Spitze bereits aufgerissen, möglicherweise hat das Kind schon davon genascht. Die Aufschrift „Zucker gibt Kraft“ verdeutlicht die Intention: Süßes wird als Genussmittel und Energielieferant vermarktet, und zwar schon für die Kleinsten.
Der Zuckerhut hat seinen Ursprung in der Kolonialgeschichte: Die kegelförmigen Blöcke wurden im 16. bis 18. Jahrhundert hergestellt, um Rohrzucker lagerfähig zu machen und aus seinen afrikanischen oder amerikanischen Anbaugebieten in westliche Industrieländer zu transportieren. Dazu wurde die heiße Zuckermasse in kegelartige Gussformen gefüllt, in denen sie auskristallisierte. Nach dem Erkalten aus der Form gestürzt, entstand das Enderzeugnis – der für den Verkauf in Europa typischerweise in blaues Papier gewickelte „Hut“ aus hartem Zucker, den man zur Verwendung in Speisen abreiben musste. Der Einsatz in europäischen Küchen stand dabei am Ende einer gewaltvollen und ausbeuterischen Produktionskette mit langer Tradition. Zucker und Versklavte waren harte Währungen des Kolonialhandels und „Tauschmasse“ im transatlantischen Dreieckshandel mit Importwaren. Bereits seit dem 15. Jahrhundert wurden Menschen von der nord- und westafrikanischen Küste in die Karibik oder nach Brasilien verschleppt, um sie als Sklaven und Sklavinnen auf Zuckerplantagen arbeiten zu lassen. Das Zuckerrohr wurde unter härtesten Bedingungen geschnitten und gepresst, um die Rohmasse zu gewinnen. In Europa erfolgte anschließend die Raffination.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich die Zuckerproduktion in Europa grundlegend. Mit dem Aufstieg der Rübenzuckerindustrie wurde der aus Übersee importierte Rohrzucker zunehmend verdrängt. Deutschland entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Anbaugebiete für Zuckerrüben und zu einem wichtigen Exporteur des daraus gewonnenen Zuckers. Damit trug es maßgeblich zur Deckung der rasch wachsenden Konsumnachfrage in allen Bevölkerungsschichten, vor allem aber unter körperlich Arbeitenden. Zwischen 1840 und 1940 vergrößerte sich die weltweite Zuckerproduktion, einschließlich Rübenzucker, von 1,15 Millionen auf über 30 Millionen Tonnen. Mit dem Aufkommen des Rübenzuckers verlor der Zuckerhut seine ursprüngliche Funktion. Der aus den Rüben gewonnene kristalline Zuckerstreu wurde – ähnlich wie der Würfelzucker – lediglich in verschiedene Formen gepresst. Der Zuckerhut in seiner heutigen Gestalt ist daher als „historisches Relikt“ seiner Kolonialgeschichte zu verstehen. Obwohl die Sklaverei Mitte des 19. Jahrhunderts schrittweise abgeschafft wurde, bestehen neokoloniale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse bis in die Gegenwart; beispielsweise migrieren noch heute haitianische Arbeitskräfte in die Dominikanische Republik, wo sie auf Zuckerrohrplantagen unter Bedingungen arbeiten, die an moderne Sklaverei erinnern.
Paul Telemanns Plakat vermittelt eine ausschließlich unbeschwerte Botschaft: Die kolonial geprägten Strukturen der Zuckerproduktion bleiben unsichtbar und werden durch die niedliche Bildsprache verschleiert. Die kindliche Unschuld des Motivs und die verheißungsvolle Aussage „Zucker gibt Kraft“ verdecken die globale Realität, die sich hinter der süßen Oberfläche dieses alltäglichen Konsumguts verbirgt.
Recherche und Text: Paula Grill
Ausgewählte Quellen:
_Mathilde Damoisel: Zucker: Genuss um welchen Preis? Arte Dokumentation 2025, online unter: https://www.arte.tv/de/videos/118256-001-A/zucker-genuss-um-welchen-preis-1-2/ (letzter Aufruf 5.11.2025)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Der Zuckerhut hat seinen Ursprung in der Kolonialgeschichte: Die kegelförmigen Blöcke wurden im 16. bis 18. Jahrhundert hergestellt, um Rohrzucker lagerfähig zu machen und aus seinen afrikanischen oder amerikanischen Anbaugebieten in westliche Industrieländer zu transportieren. Dazu wurde die heiße Zuckermasse in kegelartige Gussformen gefüllt, in denen sie auskristallisierte. Nach dem Erkalten aus der Form gestürzt, entstand das Enderzeugnis – der für den Verkauf in Europa typischerweise in blaues Papier gewickelte „Hut“ aus hartem Zucker, den man zur Verwendung in Speisen abreiben musste. Der Einsatz in europäischen Küchen stand dabei am Ende einer gewaltvollen und ausbeuterischen Produktionskette mit langer Tradition. Zucker und Versklavte waren harte Währungen des Kolonialhandels und „Tauschmasse“ im transatlantischen Dreieckshandel mit Importwaren. Bereits seit dem 15. Jahrhundert wurden Menschen von der nord- und westafrikanischen Küste in die Karibik oder nach Brasilien verschleppt, um sie als Sklaven und Sklavinnen auf Zuckerplantagen arbeiten zu lassen. Das Zuckerrohr wurde unter härtesten Bedingungen geschnitten und gepresst, um die Rohmasse zu gewinnen. In Europa erfolgte anschließend die Raffination.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich die Zuckerproduktion in Europa grundlegend. Mit dem Aufstieg der Rübenzuckerindustrie wurde der aus Übersee importierte Rohrzucker zunehmend verdrängt. Deutschland entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Anbaugebiete für Zuckerrüben und zu einem wichtigen Exporteur des daraus gewonnenen Zuckers. Damit trug es maßgeblich zur Deckung der rasch wachsenden Konsumnachfrage in allen Bevölkerungsschichten, vor allem aber unter körperlich Arbeitenden. Zwischen 1840 und 1940 vergrößerte sich die weltweite Zuckerproduktion, einschließlich Rübenzucker, von 1,15 Millionen auf über 30 Millionen Tonnen. Mit dem Aufkommen des Rübenzuckers verlor der Zuckerhut seine ursprüngliche Funktion. Der aus den Rüben gewonnene kristalline Zuckerstreu wurde – ähnlich wie der Würfelzucker – lediglich in verschiedene Formen gepresst. Der Zuckerhut in seiner heutigen Gestalt ist daher als „historisches Relikt“ seiner Kolonialgeschichte zu verstehen. Obwohl die Sklaverei Mitte des 19. Jahrhunderts schrittweise abgeschafft wurde, bestehen neokoloniale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse bis in die Gegenwart; beispielsweise migrieren noch heute haitianische Arbeitskräfte in die Dominikanische Republik, wo sie auf Zuckerrohrplantagen unter Bedingungen arbeiten, die an moderne Sklaverei erinnern.
Paul Telemanns Plakat vermittelt eine ausschließlich unbeschwerte Botschaft: Die kolonial geprägten Strukturen der Zuckerproduktion bleiben unsichtbar und werden durch die niedliche Bildsprache verschleiert. Die kindliche Unschuld des Motivs und die verheißungsvolle Aussage „Zucker gibt Kraft“ verdecken die globale Realität, die sich hinter der süßen Oberfläche dieses alltäglichen Konsumguts verbirgt.
Recherche und Text: Paula Grill
Ausgewählte Quellen:
_Mathilde Damoisel: Zucker: Genuss um welchen Preis? Arte Dokumentation 2025, online unter: https://www.arte.tv/de/videos/118256-001-A/zucker-genuss-um-welchen-preis-1-2/ (letzter Aufruf 5.11.2025)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/