Heiliger Wenzel (aus der Nürnberger Moritzkapelle?)
Object Description
Die Figur ist ein Hauptwerk der europäischen Skulptur des ausgehenden 14. Jahrhunderts und zu Recht schon seit dem 19. Jahrhundert als herausragende Skulptur innerhalb Nürnbergs gefeiert worden. In ausgesprochen höfischer Haltung steht die schlanke Gestalt des Ritters im leichten Kontrapost und mit Drehung des Körpers, die zweifellos auf die ursprüngliche Ausstellung ausgerichtet war. Die Hauptansichtsseite war das linke Hauptprofil. Die Stellung der Füße, die leicht ausladende linke Hüfte und der zurückgenommene rechte Oberkörper wenden sich einem von links kommenden Betrachter zu. Der eindrucksvolle Kopf ist energisch vorgestreckt und nach rechts, also nicht zur Hauptansichtsseite gewendet. Auf einen scheinbar bestimmten Punkt hin ausgerichtete, durch gebohrte Pupillen markierte Augen verstärken den Eindruck von Entschlossenheit, den die gesamte Haltung vermittelt. In der gesenkten Linken hält der Ritter einen gebogenen Schild, unter dem ein lockeres Band sichtbar wird. In der vorgestreckten Rechten befand sich ursprünglich eine auf den Boden gestützte Lanze oder Fahne. Die minutiös ausgeführte Rüstung, die sehr eng am Körper anliegt und dessen Haltung gut nachvollziehbar macht, wirkt dennoch lebendig. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Figur um ein Krypto- oder Identifikationsporträt des böhmischen Königs Wenzel IV. Der 1361 in Nürnberg geborene Sohn Karls IV., der bis zu seiner Absetzung als deutsch-römischer König 1400 und noch danach auf dem ihm verbliebenen böhmischen Thron oft unglücklich regierte und dem die Geschichtsschreibung bis heute wenig schmeichelt, war mit der Reichsstadt Nürnberg in vielerlei Hinsicht verbunden.
(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)