Ohne Titel (Personnage)
Object Description
Nach wiederholten Aufenthalten in Paris, wo er unter anderem von 1936 bis 1937 zehn Monate lang im Atelier von Fernand Léger gearbeitet hatte, war Jorn nach Dänemark, das Land seiner Geburt, zurückgekehrt. Hier verbrachte er die Zeit des Zweiten Weltkriegs und befreite sich vom künstlerischen Einfluss seines Lehrers. „Ich akzeptierte die Idee der Rationalisierung indem ich der dadaistisch-surrealistischen Sprache von Arp-Miro-Ernst folgte, um bei der ‚écriture automatique‘ [dem automatischen Schreiben] und der spontanen Malerei zu landen“, bemerkte der Künstler später (zit. nach Guy Atkins, Jorn in Scandinavia 1930–1935, London 1968, S. 33). Das am Ende des Krieges entstandene Gemälde „Ohne Titel (Personnage)“ ist ein frühes Zeugnis dieses Befreiungsaktes. Mit großzügigen, rhythmisch geschwungenen Linien hat der Künstler eine dynamische Konfiguration entworfen, die das Auge der Betrachter:innen an der Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion wie ein Perpetuum mobile in Bewegung hält. Eine männliche Figur ist zu erkennen, doch das Thema scheint eher der unendlich bewegte Faltenwurf ihres weiten Mantels zu sein. Zudem lässt sich schemenhaft auf deren Knie sitzend eine weibliche Gestalt entdecken, die sich an die Brust des Mannes schmiegt. Das Spiel der schillernden Farbspuren im Strom der welligen schwarzen Konturlinien verschmilzt mit den sich auflösenden Einzelformen zu einem fluktuierenden Gesamtorganismus. Drei Jahre später gründete Jorn mit einigen Künstlerfreunden die Gruppe CoBrA, in der sich sein antiakademischer Impuls noch weiter verstärken sollte. | Kyllikki Zacharias