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Object type: Handschrift
Reichenauer Evangelistar
Kupferstichkabinett
Ein für den liturgischen Gebrauch bestimmtes Evangelistar enthält die im Ablauf des Kirchenjahres während des Gottesdienstes gelesenen Perikopen (Abschnitte) aus den Evangelien. Das Berliner Evangelistar beginnt allerdings nicht mit den gebräuchlichen Eingangsworten, sondern nach dem Widmungsbild mit der dritten Vorrede zum Evangeliar (Plures fuisse) und den vier, sonst den einzelnen Evangelien vorangestellten, Prologen. Aus der Textredaktion sind Herstellungs- und Bestimmungsort nicht zu erschließen. Bemerkenswert ist, daß der Illustrationszyklus in liturgischer Folge dem entsprechenden Meßformular zugeordnet ist, somit die Textillustration und die Funktion des Buches betont und nicht den historischen Ablauf berücksichtigt. Hervorgehoben sind (mit Ausnahme der Geburt Christi) die Hauptfeste des Kirchenjahres durch ganzseitige Darstellungen, während die weiteren Szenen vorrangig als Streifenbilder dem Text eingefügt sind. Auch ikonographisch lassen sich Eigentümlichkeiten beobachten, die neben vielfacher Verbindung mit traditionellen Formulierungen der Reichenauer Buchmalerei, besonders der Liuthard-Gruppe (Perikopenbuch Heinrichs II.), die Aufnahme anderer Quellen und damit die besondere Stellung der Berliner Handschrift anzeigen. Stilistisch einheitlich, zeichnet sie sich durch eine stark individuelle, manchmal bis zur Häßlichkeit verzerrte Charakterisierung der Figuren mit betonter Gestik aus. Darin, wie auch in der Initialornamentik, bildet sie mit einem Evangeliar in Baltimore (Walters Art Gallery, W.7) und einem Lektionar in Würzburg (Universitätsbibliothek, Mp.th.q.5) eine »spätottonische« Gruppe. Ihre Stellung zwischen Tradition und Neuerung läßt eher an Entstehung kurz nach der Mitte des 11. Jahrhunderts denken, als an die neuerdings vorgeschlagene Datierung um 1075 (Korteweg 1985). Die Kontroverse um die Identifizierung des Herrschers im Widmungsbild würde dann zu Heinrich III. tendieren; sein Tod 1056 würde erklären, warum die Handschrift unvollständig blieb. Text: Frauke Steenbock in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 47, Kat. I.1 (mit weiterer Literatur)
Gebetbuch-Illustrationen ohne Text (ausgeschnitten und aufgeklebt)
Kupferstichkabinett
Georges Hulin de Loo ist die Erkenntnis zu danken, daß die im Album vereinigten zwanzig Miniaturen aus einem heute in Madrid, Biblioteca Nacional, Vit. 25-5, bewahrten Stundenbuch stammen, das die Devise »voustre demeure« auf verschiedenen Bordüren enthält. Maße, wie motivische und stilistische Übereinstimmungen und entsprechende Rahmendekorationen unterstützen seine Beobachtung. Sie wird bestätigt durch den Hinweis von Lieftinck, daß von den nachträglich mit Pinselgold aufgesetzten Künstlersignaturen das >LVerfälschungAufwertung< durch die auch im Süden hochgeschätzten Künstler, um die herausragende Qualität der Miniaturen zu erkennen. Sie zeigen alle in den 70er Jahren des 15. Jhs. entwickelte Neuerungen der flämischen Buchmalerei, die ein bisher nicht gekanntes Verhältnis von Miniatur zur Bordüre, von Figur zur Landschaft bewirkt. In den Rahmendekorationen entfaltet sich über farbigem, meist goldgetupftem Grund eine aus Naturbeobachtung und Phantasie gespeiste Vielfalt von Blumen, Akanthuszweigen, Vögeln, Insekten und anderen Motiven, deren Schatten auf den Grund fällt und so räumliche Illusion vermittelt. Die eingeschlossene Miniatur scheint im Durchblick tiefer zu liegen, zeigt räumliche Distanz. Dieser doppelte illusionistische Effekt eröffnet den Illuminatoren neue bildkünstlerische Möglichkeiten und bedingt andere Stilmittel. Als Erneuerer der flämischen Miniaturmalerei gilt der Meister der Maria von Burgund, dessen Buchgestaltung mannigfache Nachfolge in der sog. Gent-Brügger Schule gefunden hat. Neben Miniaturen von seiner Hand und von Mitarbeitern enthält das Album vier Blätter von Simon Marmion. Text: Frauke Steenbock in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 53f., Kat. I.7 (mit weiterer Literatur)
Splendor Solis oder Sonnenglanz. Sieben Traktate vom Stein der Weisen.
Kupferstichkabinett
Die Bilderhandschrift „Splendor Solis oder Sonnenglanz“ im Berliner Kupferstichkabinett gehört zu den anspruchsvollsten deutschen Manuskripten des 16. Jahrhunderts. Der reich illuminierte Prachtband ist das älteste erhaltene Exemplar einer alchemistischen Grundlehre, deren Inhalte zwischen den Polen Erkenntnis und materielle Bereicherung oszillieren. Ausgangspunkt der Alchemie ist die Vorstellung von ebenso elementar-irdischen wie kosmischen Bindungen zwischen Mensch und Natur. Diese Beziehungen versuchte man aktiv zur Veredelung der Zustände und vor allem der anorganischen Natur zu nutzen. Mittel und gewissermaßen Katalysator zur Herstellung neuer, höherwertiger Bindungen ist der Stein der Weisen. Er setzt die Transmutation in Gang, die je nach Zielsetzung sowohl chemische Veränderungen bewirken als auch verjüngen und heilen kann und darüber hinaus tiefe Einsicht in die Wesenszusammenhänge der Natur oder sogar ewiges Leben verheißt. Das 1531/32 datierte Manuskript führt in das Wesen der Alchemie ein und schildert die Zubereitung und Wirkung des Steins der Weisen. Typische alchemistische Prozesse werden beschrieben und in ganzseitigen Miniaturen kongenial ins Bild gesetzt. Dem Buchmaler stellte sich die Aufgabe, die nicht immer leicht nachvollziehbaren und oft vagen Schilderungen in den Traktaten in anschauliche Illustrationen und Bilderzählungen zu übersetzen. Hierbei verlangten die ungewöhnlichen Themen ein hohes Maß an kreativer Intelligenz. Der Buchmaler, dessen Identität bis heute umstritten ist, musste den alchemistisch-profanen Text mit seiner eigenen, an christlicher und mythologischer Kunst orientierten Bilderwelt verknüpfen, was ihm in selten erreichter Perfektion gelang. Bei seinen Neuerfindungen und Kompilationen bediente er sich eines umfangreichen Motivvorrats, den er aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen schöpfte. Neben älteren illuminierten alchemistischen Traktaten, denen er die fachspezifische Hieroglyphik entnehmen konnte, stand ihm vor allem die zeitgenössische Druckgraphik als Repertorium zur Verfügung. Außerdem adaptierte er konventionelle Darstellungstypen der Buchmalerei für seine Zwecke. So nutzte er etwa das gebräuchliche Schema von Kalenderdarstellungen für seinen Planetenzyklus, der die immer gesehene Verbindung zwischen Alchemie und Astrologie unterstreichen sollte. Während Monatsdarstellungen in Gebetbüchern im Zentrum üblicherweise Kalenderregister enthalten, erscheinen an dieser zentralen Stelle im Splendor Solis hermetisch verschlossene, gekrönte Phiolen. In ihnen vollziehen sich, durch Symbole visualisiert, typische Vorgänge bei der Entstehung des Steins der Weisen. Für diese und alle anderen Bildthemen wurden im Manuskript des Kupferstichkabinetts schlüssige Lösungen entwickelt, die für die gesamte nachfolgende Tradition dieses alchemistischen Florilegiums verbindlich werden und bleiben sollten.