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Object type: Vertäfelung
Gelbes Lackkabinett mit chinoisen Szenen und Vögeln aus dem palazzo Graneri in turin
Kunstgewerbemuseum
Turin, Hauptstadt des Königreiches Piemont und Residenz der vom spanischen Erbfolgekrieg begünstigten Savoyer, wurde im 18. Jahrhundert zum nach Venedig wichtigsten Zentrum der italienischen Lackmalerei. Die lackierte Vertäfelung stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts in Turin erbauten Palazzo Graneri, der bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Umbauten erfuhr, als ihn der Erbe Carlo Gaspare Graneri bewohnte. Er ließ am Ende der Enfilade des herrschaftlichen Appartements hinter dem Schlafzimmer zwei kleine Kabinette mit chinoiser Lackkunst einrichten, die vermutlich dem Turiner Pietro Massa zuzuschreiben sind. Während das eine als Schreibkabinett diente (und noch heute an Ort und Stelle ist), wurde das heute in Berlin befindliche Kabinett als Ankleidezimmer genutzt. Betrat man es vom Schlafzimmer her, lag gleich rechts der verspiegelte Durchgang zum chinoisen Vorraum und zur Linken die Stirnwand mit dem Balkonaustritt zum Hof. Die zweite Tür auf der Zugangswand führte zum Diensttrakt des Palastes, während sich hinter den beiden großen Türen der gegenüberliegenden Wand wie auch hinter den schlanken Türen in den Ecken Kleiderschränke befanden. Das gesamte Kabinett hat einheitlich zitronengelbe Wandflächen, die den Hintergrund geben für eine Malerei in kräftig bunten Farben. Die große zentrale Bildtafel reicht bis auf den Boden herab und scheint dem Besucher einen unmittelbaren Austritt in die von Vögeln und Insekten bevölkerte Landschaft zu bieten. Die vier großen Türtafeln erzählen Episoden einer kriegerischen Geschichte, die offenbar im fernen China spielt. In diesen komplexeren Bildkompositionen wird ein Grundproblem der europäischen Chinamode anschaulich: Der bemühte Verzicht auf typisch europäische Gestaltungselemente wie Zentralperspektive und Modellierung der Personen wird immer wieder durch erkennbar westliche Figurenkompositionen gebrochen. Das Turiner Kabinett ist so in seiner Mischung aus freier Nachahmung und versuchter Anverwandlung der fernen Welt ein schönes Beispiel für die dekorative Kraft, die in der Symbiose europäischer und fernöstlicher Dekorationskunst liegt. ASt
Prunkstube aus Schloss Haldenstein bei Chur
Kunstgewerbemuseum
Der aus Mailand stammende Johann Jacob Castilion war Gesandter des französischen Königs Franz I. und kam 1541 durch Heirat zur Herrschaft über Haldenstein. Zwischen 1544 und 1548 erweiterte er das stattliche Renaissanceschloss zu einer vierflügeligen Anlage. Im neu erbauten Südtrakt der Anlagen lagen im Erdgeschoss die Repräsentationsräume und im ersten Obergeschoss die herrschaftlichen Wohnräume, darunter auch diese Prunkstube. Beim Eintreten in das Zimmer fällt der Blick auf ein Portal mit balkonartigem Aufsatz, durch das man zu der angrenzenden Schlafkammer gelangte. Die beiden ungewöhnlich großen Fenster zur Linken gaben den Blick auf die Berge im Süden frei und tauchten den Raum in helles Licht. Rechts vom Eingangportal stand vor der gekalkten Ofenecke ein großer dunkelgrün glasierter Graubündner Kachelofen, der im Gebirgsklima für gehobenen Wohnkomfort sorgte. Wie sonst nur in der Schlafkammer sind die Wände und auch die Decke dieser Prunkstube mit Holztafeln verkleidet („vertäfelt“), während breite Fußbodendielen zur allgemeinen Ausstattung herrschaftlicher Räume gehörten. Die Wandgestaltung folgt einer architektonischen Gliederung, die Postament-, Haupt- und Attikageschoss und abschließenden Fries unterscheidet. Wesentlichen Anteil an der Raumwirkung haben neben der mächtigen kassettierten Decke und der feinen, von Putten, allerlei Getier und Grotesken bevölkerten Rankenschnitzerei im Fries die reich ausgeführten Marketeriebilder in der Attika, der schmalen Wandfläche zwischen zwei Geschossen, und in den Türfüllungen. Zu sehen sind farbige Idealarchitekturen mit beeindruckender perspektivischer Wirkung und – höchst bemerkenswert – die Ansicht von Schloss Haldenstein. Diese Vedute des soeben fertiggestellten Neubaus bildet beim Betreten des Raumes gleichsam den Auftakt der Bildfolge und ist ein gelungenes Symbol für die Kunst der Renaissance. ASt
„Spiegelkabinett” aus Schloss Wiesentheid (Franken)
Kunstgewerbemuseum
Das Spiegelkabinett gehört zu einem Appartement, das Rudolf Franz Erwein Graf zu Schönborn für sich und seine Frau im Obergeschoss des Schlosses im fränkischen Flecken Wiesentheid einrichten ließ. Die fünf Zimmer nehmen die Gartenseite des Renaissancebaus ein, in deren Mitte der Balkon des Spiegelkabinetts liegt. Die schon früh verbriefte Bezeichnung als Spiegelkabinett geht auf die stark verspiegelten Stuckdecke und einen ursprünglich größeren Spiegel auf der Stirnwand zurück. Die Decke und der Fußboden sind noch heute im Schloss vorhanden; der originale, aufwändig marketierte Tafelfußboden konnte nach über 150-jähriger Trennung und nach aufwändiger Restaurierung durch das Kunstgewerbemuseum von 2004 bis 2009 als Leihgabe zusammen mit dem Getäfel gezeigt werden. Die Wandverkleidung besteht aus einem Gerüst schlanker Rahmenfelder, die insgesamt acht breitere Füllungsflächen präsentieren. Dabei wird die gesamte Gliederung über die Marketierung der Fläche erzielt und wirkliche Profile sind nur sehr sparsam eingesetzt. Heller und dunkel gemaserter Nussbaum und grüngestreifte Bänder sind die wesentlichen Elemente dieser Dekoration, die dem zu Anfang des 18. Jahrhunderts modernen Stil des Laub- und Bandelwerkes folgt. Das zentrale Schmuckmotiv der breiten Füllungen zeigt eine kostbare Garnitur aus einem Postamenttisch, der vor einem textil anmutenden Dekor einen wohl silbernen Tafelaufsatz trägt. Darüber befand sich einst das Herzstück der Ausstattung, denn an Stelle der erst später eingefügten Spiegel saßen in den vergoldeten Rahmen acht Bildtafeln, die unter den Wappen der Schönborn Szenen aus dem Leben des Kaisers von China zeigten. Als der Tischlermeister Johann Georg Neßtfell (1694–1762) seine Rechnung für das Kabinett stellte, berechnet er für die in 85 Wochen mit zwei Gesellen und einem Lehrjungen geleistete „fürnehmbste fournir arbeith” ohne die acht Bildtafeln 508 Gulden – ein ganzes Haus am Würzburger Rathausplatz kostete kaum das Doppelte. Zur originalen Ausstattung gehörte noch ein Ensemble aus einem Konsoltisch, zwei Tabourets (vierbeinige Hocker), einer Tischuhr und dem bereits genannten großen Spiegel. Alle Teile waren wie die verschollenen Tafeln in kostbar gravierter und gefärbter Boullemarketerie dekoriert. Sie unterstrichen so den repräsentativen Charakter dieses bedeutenden Werks barocker Raumkunst. ASt
Spiegelkabinett aus dem Merseburger Schloss
Kunstgewerbemuseum
Das 1712/15 für Herzog Wilhelm von Sachsen-Merseburg in dessen Appartement im Merseburger Schloss geschaffene Spiegelkabinett ist eines der bedeutendsten Beispiele dieser kostbaren und seltenen Raumschöpfungen des späten Barock und Rokoko. Die außergewöhnliche Wirkung des Kabinetts beruht auf dem Zusammenspiel von sehr reicher Verspiegelung, feiner Schnitzerei in originaler Vergoldung und einem ursprünglich tiefblau glänzend lackierten Fond. Im Stil des modernen französischen Régence gehört das Spiegelkabinett zu den frühesten erhaltenen Arbeiten, die Johann Michael Hoppenhaupt I. (1685-1751) als Hofbildhauer und Landbaumeister in Merseburg ausführte. Das Spiegelkabinett diente nicht – wie lange angenommen – zur Präsentation von Porzellan, es war vielmehr die herzogliche Kunstkammer. Als 1738 das Geschlecht der Herzöge von Merseburg-Sachen erlosch, wurde ein Schlossinventar aufgestellt und die für das Spiegelkabinett aufgelisteten Goldschmiedearbeiten und Pretiosen aus geschnitztem Elfenbein, Rubinglas, Bernstein, Email und Edelsteinen gelangten zusammen mit dem übrigen beweglichen Inventar an den Hof nach Dresden. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurde das Spiegelkabinett in den Jahren 1998 bis 2005 in einer beispielhaften Restaurierung (Kunstgewerbemuseum und Werkstatt Marquardt/Erhardt/Uttenroth in Freiberg a.Neckar) konserviert und gleichsam wieder gewonnen. ASt