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Ein Schächer am Kreuz, nach rechts


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Objektbeschreibung

Die Kohlezeichnung eines Schächers nach rechts befand sich ehemals gemeinsam mit ihrem Pendant eines Schächers nach links (Ident. Nr. KdZ 4451) im Besitz des Landschaftsmalers Fritz Bamberger. Beide wurden zusammen mit Bambergers Nachlass 1878 in München als Werke Hans Baldungs versteigert (vgl. Aukt.-Kat. Montmorillon’sche Kunsthandlung 1878, Nr. 337). Danach in der Sammlung Adalbert von Lannas, wurden sie zwischenzeitlich von Meder als oberdeutsche Schule in den zwölfbändigen Katalog der Handzeichnungen aufgenommen (Meder 1896-1908, Bd. 10, Nr. 1097). 1910 gelangten sie als „in der Art des Mathias Grünewaldt“ erneut in den Kunsthandel (vgl. Aukt.-Kat. H. G. Gutekunst 1910, Nr. 36), wo sie von Eduard Arnold für die Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts erworben wurden. Die erste Zuschreibung an Cranach wurde bereits zuvor von Max J. Friedländer, Direktor des Kupferstichkabinetts, als eher beiläufige Randbemerkung einer Rezension zu Hermann Voss‘ „Der Ursprung des Donaustiles“ vorgeschlagen (vgl. Friedländer 1908, S. 394). Ein Jahr nach Eingang in die Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts fanden die Schächer schließlich Erwähnung in Ignaz Beths Aufsatz über das Frühwerk Lucas Cranach d. Ä. (Beth 1911, S. 25). Seither akzeptiert, zweifelte zuletzt lediglich Michael Hofbauer die Urheberschaft Cranachs an, der die Blätter wieder Baldung zuweist (vgl. Hofbauer 2010, S. 516-519).

Besonders nahe steht der Körper der Verurteilten und Gefolterten jenen Werken Cranachs, die in den Jahren nach 1500 während seines Aufenthalts in Wien entstanden sind, aber auch anderer Künstler, die in der Zeit bis 1505 in Süddeutschland gearbeitet haben. Offenkundig ist, dass dem Zeichner mehr an einem expressiven Ausdruck gelegen war und weniger an einer korrekten anatomischen Darstellung. Liniendopplungen und Korrekturen, etwa am linken Ellbogen, rechten Arm und rechten Schienbein, zeigen gleichwohl ein Ringen um die endgültige Form. Die Fesselung von Schächern ans Kreuz mit schmerzvoll verdrehten Armen – in Abgrenzung zum ans Kreuz genagelten, duldsam den Tod erwartenden Christus – findet sich, wie Dieter Koepplin schreibt, ikonographisch gleichermaßen in der fränkischen (Pleydenwurff, Wolgemut), wie in der bayerischen und österreichischen Malerei des Spätmittelalters, wobei er auf die Kreuzigungstafel von Rueland Frueauf d. J. von 1496 in Klosterneuburg bei Wien verweist und die Nähe zum Aggsbacher Altar von Jörg Breu d. Ä. von 1501 im Germanischen Nationalmuseum hervorhebt (Ausst.-Kat. Basel Berlin 1997, S. 247, 250). In jenem ist vor allem der «unreuige» Schächer mit dem herabfallenden Haar und dem zwischen die Beine geklemmten Kreuzesstamm sehr eng mit unserer Zeichnung verwandt. Auch Vergleiche mit Werken Hans Baldungs zeigen Übereinstimmungen in den Körperauffassungen und insbesondere mancher Details wie der Umklammerung der Stämme im Bereich der Arme und Beine (z.B. Hochaltar im Freiburger Münster). Es sei zudem an Vorbilder in der frühniederländischen Malerei erinnert (z.B. Frankfurt a. M., Städel Museum, Inv. Nr. 886).

Cranach fällt in der Wiener Zeit ab 1500 mit einer expressiven Malweise und ebensolchen Motiven auf, wie auch die beiden frühen Holzschnitte mit Kalvarienbergen zeigen. Gleichwohl zieht die Forschung stets den Vergleich zur sogenannten Schottenkreuzigung von um 1500/01 im Kunsthistorischen Museum in Wien heran (Wien, KHM, Inv. Nr. Gemäldegalerie, 6905). Jedoch unterscheiden sich die Figurenauffassungen hinsichtlich der Varianten von genagelten Körpern dort und den gebundenen hier.

Bemerkenswert ist die Verwendung von Zeichenkohle als autonomem Zeichenmittel, die kaum Wiederholung im zeichnerischen Werk Cranach d. Ä. findet (mit Ausnahme des Bildnisses von Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach von 1511/12 in der Albertina, Inv. Nr. 3005) und generell vor 1503, als Dürer sich intensiv diesem Zeichenmedium für Porträtzeichnungen zuwandte, nur selten zu finden ist. Auf beidseitig mit Eisenoxid trocken rot getöntem Papier, das somit einen fleischfarbenen Mittelton erzielt, skizziert der Künstler hier mit Kohle und setzte abschließend mit weißer Kreide Lichtreflexe, also anders als Grünewald, der präziser linear zeichnet und stets mit dem Pinsel und Bleiweiß höht, wodurch die Körper Volumen erhalten (vgl. Dietz, Brückle, Banik in Ausst.-Kat. Berlin 2008, S. 65).

Dass Cranach rötliche Grundierungen in der Malerei einsetzte, konnte Gunnar Heydenreich für den „Büßenden Hl. Hieronymus“ (1502, Wien, KHM, Inv. Nr. Gemäldegalerie 6739) und die „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ (1504, Berlin, Gemäldegalerie, Ident. Nr. 564A) darlegen. Bei der „Klage unter dem Kreuz“ (sog. Schleißheimer Kreuzigung, 1503, München, Alte Pinakothek, Inv. Nr. 1416) verwendete er eine rote Imprimitur über weißem Grund (vgl. Heydenreich 2007, S. 97, 101f). Dieses Vorgehen könnte er zuvor in Nürnberg kennengelernt haben. Die trockene Rötelung von Papier zur Vorbereitung hat in Nürnberger Werkstätten als Übernahme von niederländischen Vorbildern eine lange Tradition. Die Zeichnungssammlung der Erlanger Universitätsbibliothek verwahrt sowohl ein größeres Konvolut aus dem Umkreis des Meisters des Tucheraltars, des Meisters von 1483 sowie aus der Werkstatt Michael Wolgemuts (vgl. Buck/Messling 2009, S. XVIII-XIX). Jene Zeichnungen sind jedoch mit der Feder ausgeführt. In technischer Hinsicht besser vergleichen lässt sich daher Albrecht Dürers frühe Kohlezeichnung einer «Dame mit Falken» im British Museum (Inv. Nr. SL,5218.90), die nach Auskunft einer Sammlerbeschriftung vor seinem Eintritt in die Wolgemut-Werkstatt, also vor dem 30. November 1486, entstand. Dieses Blatt weist jedoch keine Weißhöhungen auf und wurde im Darstellungsbereich absichtsvoll fixiert (Dietz in Strieder 2012: S. 346). Unfixiert, wie hier, sind die Blätter sehr abriebgefährdet, wie die durch einen sicher ungewollten Kontakt mit Flüssigkeit im unteren Drittel besser erhaltene Zeichnung mit dem nach links gewandten Schächer (Ident. Nr. KdZ 4451) zeigt.

Das Papier ist von eher geringerer Qualität, d.h. kaum geleimt, etwas grob und offenporig, und dürfte damit aber vorteilhaft für die Verwendung von Kohle gewesen sein (vgl. Guido Messling in AK Winterthur/Wien 2022, S. 79). Als Wasserzeichen findet sich in diesem Blatt, wie im Papier des Pendants (Ident. Nr. KdZ 4451), je eine hohe Krone. Die Zeichen sind untereinander nicht vollkommen identisch, dürften aber, wie Wasserzeichenrecherchen nahelegen, als zusammengehöriges Siebpaar angesprochen werden, da sie nicht nur bei den beiden Berliner Zeichnungen, sondern auch in gebundenen Schriften und Aktenkonvoluten gemeinsam auftreten. Beim Papierschöpfen tauschen Papiermacher und Geselle fortwährend zwei Schöpfformen, die üblicherweise gleiche, aber eben nicht vollkommen identische Zeichen aufweisen. Auf diese Weise entstehen hintereinander weg Papiere mit zwei (leicht) verschiedenen Wasserzeichen (vgl. Wasserzeichen-Online (WZIS): DE5040-PO-52268 (A-Sieb) und DE5040-PO-52269 (B-Sieb), Wildberg 1515; DE5400-PO-52266 (A-Sieb) und DE5400-PO-52267 (B-Sieb), Esslingen 1503; DE8085-PO-52261 (A-Sieb) und DE8085-PO-52262 (B-Sieb), Bebenhausen 1498 (beide auch Lustnau 1501); DE0960-Mlf293_1 und DE0960-Mlf293_3, Leipzig (?) 1490/1500). Nicht immer sind beide Wasserzeichen gemeinsam überliefert, so gibt es zudem Einzelfunde. Hinzu kommt, dass sich die Zeichen durch Nutzung und Reinigung der Siebe fortwährend leicht verändern und verformen können. Die Anzahl an sehr ähnlichen Wasserzeichenfunden ist im Fall der Papiere der Berliner Schächer-Zeichnungen außergewöhnlich hoch, so dass sich eine breite Datenbasis ergibt. Wie es scheint, sind unter den Vergleichsfunden Papiere, die noch vor einer weiteren Verformung der Zeichen geschöpft wurden, wie auch solche, bei denen die Wasserzeichen weitere Beschädigungen aufzeigen:

Für das Blatt mit dem Schächer nach rechts passt am besten ein Wasserzeichen-Beleg aus einem 1498 in Bebenhausen geschriebenen Lagerbuch (DE8085-PO-52261). Das Zeichen ist auf dem Sieb verschoben und das Innenkreuz verquetscht. Das Zeichen findet sich gemäß einer Notiz Piccards identisch in einer 1501 in Lustnau entstandenen Archivalie. Weitere Belege vor der Verformung des Innenkreuzes finden sich in 1493 bis 1499 entstandenen Schriften (AT3800-PO-52253, Rottenburg 1493; AT3800-PO-52253, Rottenburg 1493; DE6300-PO-52252, Öttingen 1493; DE8370-PO-52254, Ulm 1494; AT3800-PO-52259, Rattenberg 1498; DE0480-PO-52258, Rottweil 1499; DE0960-Mlf293_3, Leipzig (?) 1490/1500). Das vermutlich selbe Zeichen in stärker beschädigtem Zustand, also mit derselben Form später geschöpft, findet sich in Archivalien aus den Jahren 1503 und 1515 (DE5400-PO-52266, Esslingen 1503; DE5040-PO-52268, Wildberg 1515).

Die Zeichnung und ihr Gegenstück (Ident. Nr. KdZ 4451), deren Papierdatierung auf das Jahr 1499 und damit exakt in die hier gefundene Spanne zwischen 1498 und 1501 fällt, werden also um 1500 entstanden sein und wurden jeweils in der Mitte einer ehemaligen Papierbogenhälfte gezeichnet. Vielleicht waren die beiden Blätter Teil eines größerformatigen Skizzenbuchs.

Die Zuschreibung an Cranach folgt der Idee von der «Sturm und Drang»-Zeit Cranachs in Wien und hilft sich damit über die äußerst schemenhafte Vorstellung von Cranachs Anfängen hinweg. Jedoch negiert eine eindeutige Zuschreibung die Nähe zu fränkischen, oberdeutschen und österreichischen Beispielen. Allein sicher scheint, dass das Blatt von einem informierten Zeichner stammt, der einen Reiseweg über Franken und die Donaugegend zurückgelegt haben muss, wenn er nicht sogar selbst dort sesshaft geworden ist.

[Georg Josef Dietz, Mailena Mallach und Susanna Szikal im Rahmen des Cranach-Forschungsprojekts, April 2026]