gelehrter Asiat
Objektbeschreibung
Mit dem Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau begann Klee ab Ende 1925 eine Reihe neuer Darstellungsschemata durchzuspielen. Dazu gehörte die imitatorische Parallel-Linienführung, bei der das Motiv aus gleichlaufenden geraden und gebogenen Linien mit rhythmischen Qualitäten aufgebaut wird. Ein markantes Beispiel dieses Ansatzes bietet die Federzeichnung „gelehrter Asiat“, bei welcher die Linien Haare, Gesichtsfurchen und Gewandfalten bezeichnen. Asien besaß in der Vorstellungswelt Klees einen hohen Stellenwert und schon 1916 hatte er Gedichte von Wang Seng Yu und Wu Ti aus einer von Hans Heilmann zusammengestellten Anthologie chinesischer Lyrik zur Grundlage von Bildwerken gemacht. Im Januar 1917 vermerkte er in seinem Tagebuch: „Ich kann viel lesen und werde immer chinesischer.“ Gemeint waren damit in erster Linie Gelassenheit, in sich gekehrte Weisheit und die Auffassung der Welt als eines beständigen Fließens. Bisweilen tauchen aus dem Strom der Linien Gesichtszüge oder Figuren auf, doch können diese jederzeit wieder zergehen. Der Strudel des Transitorischen bildet sich in der Spiralform der Pupille ab. Die betonte Affinität zum asiatischen Denken führte 1930 Ernst Kállai dazu, Klee in einer Karikatur als „Bauhausbuddha“ darzustellen. | Dieter Scholz