Interno di studio
Objektbeschreibung
Carlo Carrà, von 1910 bis 1916 einer der Hauptvertreter des italienischen Futurismus, wandte sich während des Ersten Weltkrieges aufgrund von „Divergenzen und Unvereinbarkeit in den Ideen“ („La mia vita“, 1942) von dieser Kunstrichtung ab und, angeregt durch die Begegnung mit Giorgio de Chirico 1917 in Ferrara, der Pittura metafisica zu. De Chiricos metaphysische Bilder beeinflussten Carrà nachhaltig. Die von dem Freund erfahrenen Anregungen vereinte Carrà mit Stilelementen seiner Vorbilder aus dem Trecento („magische Stille der Formen“) und den konstruktiven Bildgerüsten Paolo Uccellos zu einer eigenen Bildsprache. In seinen metaphysischen Interieurs durchleuchtet Carrà die hinter den sichtbaren Dingen liegende, transzendente und geheimnisvolle Wirklichkeit. Wie ein luftleeres Vakuum wirkt die perspektivisch verwirrende, stilllebenhafte Szenerie des „Interno di studio“ mit ihrer linear stilisierten Geometrisierung der Gegenstände und der irrealen Wiedergabe von Licht und Schatten. Diagonal in dem kargen Innenraum steht eine Leinwand mit der Rückansicht einer erstarrten, zeitenthobenen und entindividualisierten Figur, deren Statuarik in einen Dialog mit dem architektonisch definierten Raum tritt. In doppelter künstlerischer Sinnschichtung zeigt dieses ‘Bild im Bild’ nicht einen realen Menschen, sondern dessen stilisiertes Abbild in Form eines Manichino, einer hölzernen Gliederpuppe, die wiederholt in den metaphysischen Bildern Carràs und de Chiricos auftritt. Diese Puppe, die im akademischen Kunstbetrieb als Hilfsmittel für Bewegungsstudien eine erhebliche Rolle spielte, wird bei Carrà durch ihre magische Isoliertheit zu einem Symbol für den entfremdeten, orientierungslosen Menschen in den Kriegsjahren. | Hanna Strzoda