Der Sauger
Objektbeschreibung
Die Federzeichnung ist Teil einer Mappe, die mit dem Titel „Das Weib“ bei Kubins erstem Verleger Hans von Weber in München publiziert werden sollte, aber unveröffentlicht blieb. Kubin schreibt 1902 in einem Brief an Clara Immerwahr: „Gegenwärtig arbeite ich unter maximal[em] Druck. – Es werden Blätter, in denen ich meine Gedanken über ‘das Weib’ niederlege. – Gut kommt dabei das zarte Geschlecht nicht weg.“ In der Tat zeigt der Zyklus Arbeiten, die – ungeachtet der sorgfältigen künstlerischen Durcharbeitung – in ihrer Gewaltsamkeit und ihrem Zynismus für den Betrachter fast unerträglich sind. In elementarer Direktheit wird die Frau in den Kreis des Dämonischen gebannt. Sie wird zum gepeinigten Opfer eines ins Brutale gesteigerten männlichen Sexualtriebes. „Der Sauger“ erscheint in dieser Reihe eher harmlos, doch trotz seiner Ruhe wirkt das Gezeigte beklemmend. In einer intimen, beinahe erotischen Enge wird einer schönen Rothaarigen der Lebenssaft von einem Elefantenwesen ausgesaugt, das als eine Art Mittler oder Komplize zwischen ihr und dem Tod fungiert. Hat die Schöne in die unmerklich stille Gewalt der Verführung, in den Akt ihrer Opferung eingewilligt? Oder mehr noch, empfindet sie an dieser Form der Verzehrung Gefallen? Die langhaarige Todesgestalt hat Blutstropfen auf dem Hemd als Reminiszenz an eine längst vergangene Lebendigkeit. Vermutlich fiel auch sie dem Blutsauger zum Opfer. So gesehen ist der Elefant mit seinem phallischen Rüssel als Zeichen lüsterner Männlichkeit wohl der eigentliche Tod. Losgelöst von der Betrachtung der Rolle des Weiblichen ist die Zeichnung ein allegorischer Verweis auf den von Kubin als lustvoll empfundenen Prozess der Selbstauflösung. | Luisa Fink