bebende Kapelle
Objektbeschreibung
Im Herbst 1924 reiste Klee über Genua und Neapel nach Sizilien und machte auf der Rückreise in Rom und Mailand Station. Im Rahmen dieser Reise besichtigte er zahlreiche Hinterlassenschaften der Antike ebenso wie die wichtigsten Zeugnisse der christlichen Baukultur. Die dominierende Stellung der katholischen Kirche wurde in vergleichender Perspektive stark relativiert. Der Spannung zwischen den religiösen Systemen verlieh Klee Ausdruck in der Darstellung einer Kapelle, die sich unter dem Ansturm zweier bedrängender Kräfte angstvoll krümmt. Von links drängt eine archaische, mit einem Doppelauge im Profil gezeigte, dynamisch ausschreitende Gestalt mit einem Pfeil heran, der auf das Dach der Kapelle zielt. Von rechts naht ein Geschoss, das ebenso eine Samenkapsel wie ein außerirdisches Flugobjekt sein könnte. Sein spitzer Stachel richtet sich auf das Turmkreuz der Kapelle. Beide Angreifer sind in der Bewegungsrichtung von einem energetischen Rot umglüht. Das starre theologische Gebäude erbebt unter dem Ansturm der Kräfte aus Natur und Leben. Stark bewegt ist auch der farbige Aquarellgrund, auf den Klee das Blatt mit der gezeichneten Komposition legte und das auf der Rückseite eingeschwärzte Motiv durchpauste. Das „Ölfarbezeichnung“ genannte Verfahren hatte Klee bereits zu Beginn des Jahres 1919 entwickelt. | Dieter Scholz