Ohne Titel
Objektbeschreibung
Mittels der Frottage, eines Durchreibeverfahrens, das Max Ernst als künstlerische Methode entdeckte, visualisiert Bellmer durch Vereinigung von Linden-, Löwenzahn- und Petersilienblatt eine Landschaft. Feine Plisseestrukturen verbinden sich mit vegetabilen Formen, oberhalb der ‘Bäume’ sind zarte Netze eingewoben. Umschlungen und durchdrungen von geometrisch-organischem Gefüge, erscheint in der rechten unteren Ecke des Blattes der Oberkörper einer Frau. Kopf, Hand und Brüste schälen sich aus der Struktur heraus. Ihr zugeordnet sind zwei fest umrissene Ellipsen, welche im Zusammenspiel mit einem nach rechts führenden Linienpaar – Bellmer gewann diese Form durch die Frottage einer Schere – das männliche Geschlechtsorgan suggerieren. Das weibliche Geschlecht spielt mit dem männlichen zusammen, was sich zusätzlich in der Verschmelzung von geometrischen und organischen Strukturen in den Blättern widerspiegelt. Mit der Durchdringung beider Prinzipien schafft Bellmer eine Mehrgeschlechtlichkeit, einen Hermaphroditismus, der im Pflanzenreich keine Seltenheit ist. Wenn sich die weibliche Figur durch ihren männlichen Part – und andersherum – die Lust doch selbst verschafft, dann kommt das einem Autoerotismus gleich. Was auf diesem Blatt versteckt angedeutet wird, verstärkte Bellmer in seinen Illustrationen zu Georges Batailles „Pour Madame Edwarda“ (1954, SSG 38–39) und ließ es in mehrere Blättern mit Mädchen-Phalli Mitte der 1960er Jahre münden (SSG 43). | Melanie Franke/Nadine Ott