Sans titre
Objektbeschreibung
Die deutschen Dichter Justinus Kerner und Christian Morgenstern gehören zu den bekanntesten Vertretern einer grafischen Mode, die seit dem 19. Jahrhundert vielfach praktiziert wurde, der Klecksografie, deren Methodik und Ziel darin besteht, dass man aus mehr oder weniger zufällig entstehenden, geklecksten Formen gestalterisch etwas Gegenständliches entwickelt. Es handelt sich dabei um ein vorsätzliches Spiel mit dem Unbewussten, um die Aktivierung eben jener Assoziationskräfte, die für gewöhnlich in der akademischen Künstlerausbildung systematisch ausgeschaltet wurden. Es ist daher gewiss kein Zufall, dass derartige antiakademische Techniken gerade im Kreise von zeichnenden Schriftstellern florierten, wie denn überhaupt die künstlerisch-kreative Freiheit bei Arbeiten auf Papier, die von Schriftstellern stammen, häufig außergewöhnlich groß war. Den somnambulen Fingerübungen Victor Hugos, wie sie mit dem unbezeichneten und unbetitelten Blatt und vielen ähnlichen Werken von ihm zahlreich vorliegen, haftet eine außerordentliche und vielseitige Modernität an. Das Zerfließen der offenen Formen suggeriert gleichsam die Genese von Kunst aus dem Unfall: als seien sich zwar nicht wie bei Comte de Lautréamont ein Regenschirm und eine Nähmaschine auf dem Seziertisch, aber doch Weißwein und Tinte auf dem Schreibtisch begegnet. | Bernhard Maaz