Altarkasten mit Bildern vishnuitischer Legenden
Objektbeschreibung
Der Altar gehört in die bis in vorchristliche Zeit zurückgehende Tradition der wandernden Geschichtenerzähler, die bis heute in ländlichen Gebieten lebendig ist. Bei den Geschichten handelt sich um Götterlegenden, Heldensagen und das Wirken von Dämonen, die jeweils in demselben Flügelaltar abgebildet sind und deren unterschiedlicher Blick auf die mythischen Ereignisse geschildert wird. Die Götter sind die personifizierten guten, für den Menschen hilfreichen Kräfte, die Dämonen die zerstörerischen, die Helden diejenigen, die für das Gleichgewicht zwischen diesen beiden entgegen gesetzten Kräften zu sorgen haben.
Die Flügel des Kastens lassen sich auch als Wände eines Tempels verstehen, in dessen Sanktum, hier die innere Kammer, die Hauptgottheiten stehen.
Anders als bei dem Picchvai des Museums für Asiatische Kunst, der im Tempel aufgehängt wird und zu dem die Gläubigen hingehen, kommt hier der Tempel zu den Menschen in ihre alltägliche Umgebung.
Indem die Flügel nacheinander aufgeklappt und die Geschichten erzählt werden,
legen die Zuhörer schrittweise einen spirituellen Weg zurück. Sie treten aus ihrer alltäglichen Sphäre in die mythische Realität ein, so dass sie einen Perspektivwechsel vollziehen. Die epischen Geschichten sollen sie dazu inspirieren, sich mit den Helden zu identifizieren und über ihr alltägliches Selbst hinauszuwachsen, es zu transzendieren.
Die große Popularität der Heldengeschichten liegt auch in ihrem moralisch ambivalenten Charakter. Die Helden handeln fehlerhaft, sie zeigen Mängel. Dies geht auf das schon in vedischer Zeit (2. bis 1. Jahrtausend v. Chr.) nachzuweisende Konzept vom Paradox (sowohl gut als auch schlecht) zurück, das notwendig ist, um die Handlung voranzubringen. Es schafft einen Raum, der nicht göttlich, aber übermenschlich ist und ermöglicht so eine Identifikation.
Bewegung findet nicht nur am Klappaltar als konkrete Tätigkeit statt, sondern auch als spirituelle Entwicklung in ihrem Inneren. Nach hinduistischer Auffassung ist das Sanktum des Tempels gleichzusetzen mit den Herzen der Gläubigen.
Sobald die innere Kammer des Altars geöffnet ist, vollziehen die Zuhörer den darshan, d.h. eine intensive visuelle Kommunikation mit der Gottheit. Sie ist die Voraussetzung für das Verstehen ihres göttlichen Wesens. Durch genaues Betrachten lässt sich Einsicht in ihre Wahrheit gewinnen. Die Gottheit ihrerseits gewährt den Gläubigen den darshan. Das Sichzeigen einerseits und das Erkennen andererseits ist die wichtigste Ebene ihrer Beziehung zueinander.
Wibke lobo
11.2.2009
SM8HF