Kugelspiel mit Szenen eines Wagenrennens
Objektbeschreibung
Das Kugelspiel wurde 1834 beim Hippodrom von Konstantinopel gefunden. Es war ein antikes Glücksspielgerät.
Auf der Vorderseite verlaufen schräge Bahnen im Zickzack. An
ihrem obersten Ende sind vier Startrillen zu erkennen, von denen aus Kugeln
hinunterrollen konnten. Damit die Kugeln nicht seitlich von der Bahn
hinunterfielen, waren diese ursprünglich durch niedrige Brüstungen aus
Marmorplatten begrenzt. Um das Spiel interessanter zu gestalten, gab es
Schikanen. An den Wendepunkten der Bahnabschnitte sitzen Löcher, von denen ein
unterirdischer Gang zur Mitte der nächsten Bahn führt. Einige Kugeln rollten
über diese Löcher hinweg. Andere Kugeln fielen in die Löcher und nahmen die
Abkürzungen zur nächsten Bahnmitte. Das konnte ein Vorteil oder aber ein
Nachteil sein, denn bei ihrem Weg durch den unterirdischen Gang verloren die
Kugeln andererseits an Schwung. Am Schluss erreichten die Kugeln nacheinander
das Ziel, nämlich einen weiteren verborgenen Gang, der zur Rückseite des Kugelspiels
führte. Dort konnten die Kugeln dann aufgefangen werden.
Rundherum ist der Marmorblock mit Reliefs geschmückt. Sie
zeigen den Ablauf am Tag eines Wagenrennens. Rennen mit Pferdewagen wurden im
sogenannten Hippodrom in Konstantinopel, heute Istanbul, abgehalten. Dazu
passt, dass der Block ganz nahe beim Hippodrom von Konstantinopel gefunden
wurde. Die Ereignisse beginnen auf der rechten Nebenseite. Von oben nach unten
sind dargestellt: Pferdestatue – Flötenspieler – Aufziehen eines Banners oder
Sonnensegels – Auslosen der Startplätze mit einer sogenannten Losmaschine –
Beginn des Wagenrennens. Die schmale Bildfläche unten auf der Vorderseite zeigt
die Verfolgungsjagd zweier Viergespanne. Auf der linken Nebenseite sind von
unten nach oben zu sehen: Ankunft des siegreichen Gespannes – Überreichung
einer Siegespalme durch einen Beamten – Ehrenrunde des Siegers – geöffnetes
Fenster mit einem Zuschauer oder Schrein mit der Halbfigur einer Gottheit – Personal beim Einholen
des Banners oder Sonnensegels. Die Rückseite zeigt ein großes Tor, vielleicht ist das Kathisma-Tor gemeint, und darüber
das Amtslokal der Organisatoren des Rennens. Die runden Sockel mit den drei
kegelförmigen Aufsätzen an allen vier Ecken des Marmorblocks stellen die
Wendemarken (Metae) für die Rennwagen dar.
Neben der Version aus Marmor gab es Ausführungen des Kugelspiels
vor allem aus Holz. Das wissen wir, weil solche Spiele unter Einsatz von Geld in einem Gesetz des
byzantinischen Kaisers Justinian I. aus dem Jahr 534 beschrieben und ausdrücklich verboten werden. Sie werden dort dort
„xylinon hippikon“ (griechisch), also „Hölzerne Pferdchen“ genannt. In einem erklärenden Kommentar heißt es zu den sog. equi lignei (griech. xylinon hippikon): »Die Wettparteien legten bei diesem Spiel auf den höchsten Punkt dieser Bahnen vier verschieden gefärbte Kugeln, die sie nach unten laufen ließen. Welche von denen durch die Löcher laufenden Kugeln aber zuerst aus dem letzten Loch herauskomme, diese Kugel verschaffe demjenigen, der auf sie gesetzt habe, den Sieg« (Übersetzung: Dieter Roderich Reinsch).
Die Bezeichnung als „Hölzerne Pferdchen“, die Darstellungen
aus dem Pferdewettrennen und der Fundort nahe der Pferderennbahn sprechen
dafür, dass mit dem Spiel die wirklichen Pferderennen im Kleinen nachgeahmt
wurden. Die Kugeln hatten wahrscheinlich die Farben der sogenannten
Zirkusparteien – rot, grün, blau, weiß. Sie entsprachen in etwa den heutigen
Rennställen der Formel 1, waren aber gleichzeitig auch politische Parteien.
Spielbegeisterte konnten an solchen Spielautomaten in Wettlokalen auf die
Zirkuspartei ihrer Wahl Geld verwetten, wenn gerade keine echten Pferderennen
liefen. Die echten Pferderennen waren eine festartige Unterhaltung für das Volk
– zumindest für die Männer. An ihr nahm auch der byzantinische Kaiser in einer
besonderen Loge teil.
Das Berliner Kugelspiel ist eine ›Luxusvariante‹ solcher Spielautomaten und wurde sicher im Hippodrom benutzt, um Wetten abzuschließen.