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(Iranische Anthologie aus Bibliothek des Timuriden-Prinzen Baisunqur, Sohn von Schahrukh)


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Objektbeschreibung

Die Handschrift, betitelt „kaiserliche Anthologie“ bzw. „Prinzliche Anthologie“ (ǧunk-i humāyūn bzw. ǧunk-i Mīr,), stammt gemäß nachträglichem Eintrag im Vorblatt-Medaillon (schamsa, bzw. Inhaltsverzeichnis (fihrist) S. 2-3) aus der Bibliothek bzw. dem Hofatelier (kitabkhana / kutubkhana) von Prinz Baysunqur (1397-1433), Sohn des Timuriden Schahrukh und Gouverneur von Herat. Sie enthält auf 950 Seiten Auszüge aus fünf großen iranischen Epen im Haupt-Textfeld von Firdausi, sowie den Zyklen von Farid al-din Attar, Nizami, Khwadschu Kirmani und Amir Khusrau, sowie 30 aus anderen Werken und Gedichtsammlungen am Rand, identifiziert in Überschriften – am Rand klein und diagonal gesetzt, im Haupttext als aufwendiger Fries sowie der vier Epenzyklen auch pro Autor jeweils auf eigenem Titelmedaillon (schamsa). Schreiber ist Maḥmūd al-kātib al-Ḥusainī, nach Kolophon S. 175, im Rabi‘ I 823 /ab Mitte März-April 1420; ebenso S. 466 und S. 950.
Der einheitliche Stil der Ornamentik ist besonders präzise und aufwendig entworfen und gemalt mit überwiegend tiefblauer Grundfarbe oder einzeln auf Papiergrund mit stets fein verästelten Blumen in Gebinden in Goldmalerei mit kleinen Farbtupfen als Blüten. Kühnel (1931, S. 137) hält die beiden Seiten des Inhaltsverzeichnisses am Anfang für nachträglich, was nicht überzeugend ist. Bei den Zierfeldern der Überschriften und ursprünglichen schamsa-Medaillons wird die Goldmalerei wie ein dichtes Netz auf den blauen Grund zwischen die Kartuschen und Pendant-Formen gesetzt, so dass sie zusammen mit den nuancierten Farbtupfern eine wohlausgewogene Farbwirkung von Blau und Gold erzeugt. In den Kartuschen wechseln die Grundfarbe sowie die vegetabile Ornamentik – statt Blumen eher Spiral- und Gabelblattranken. Ähnlich werden die auf fast jeder Seite jeweils an drei Stellen, Anfang, Mitte und Ende, zwischen den Randtexten ornamentierten Dreiecksflächen behandelt – durchgehend auf farblosem Grund sind andere Blumengebinde eingefügt, die sich mit ganz geringen Variationen in Form und Farbtupfern über einige Blätter wiederholen, dann aber wechseln und mit andern Blumen und organischen oder selten geometrischen Formen verbunden erscheinen. Die Wechsel in Ornament und Farbe lassen keinen Zusammenhang mit den Texten erkennen, können aber dem Leser doch als „Memoranda“ oder Merkzeichen für bestimmte Passagen dienen.
Variiert wurden ferner die Hintergründe der Überschriftenkartuschen sowohl im Haupttextfeld wie am Rand – eine Hälfte ist nur mit Goldstaub belegt, die andere mit unterschiedlich deutlicher, hellroter Schraffur, selten auch Kreuzschraffur, was teilweise hier vermerkt ist.

29 Bilder sind zu den Haupttexten eingefügt, drei zum Schah-nama des Firdausi (S. 12, 21, 36); zwei zum Masnavi-i ma`navi des Farid al-din `Attar (S. 92, 96); 15 zu den fünf Epen des Nizami (eins zu Makhzan al-asrar, 7 zu Khusrau va Schirin, 5 zu Madschnun va Laili, je eins zu Haft paikar und zum Iskandar-nama); 7 Bilder illustrieren drei der fünf Epen des Khvadschu Kirmani (S. 644, 675, 734, 735); zwei zu Amir Khusrau, Hascht bihischt (S. 866) und Ayine-i Iskandari (S. 916).
Formal sind die Illustrationen sehr unterschiedlich in die Texte eingefügt, teilweise streng innerhalb des Textfelds, teils weit ausgreifend in den Rand unter Veränderung des dortigen Ornament-Schemas, also vorab im Atelier vereinbart. Auch stilistisch scheinen die Bilder große Unterschiede aufzuweisen, doch rühren manche von erheblichen Übermalungen. Diese müssten im Einzelnen mit Mikroskop-Untersuchungen verifiziert werden, sind hier aber nach offensichtlichen Anzeichen vermerkt: dicker Farbauftrag, Übermalungen der Randleisten, verschwommene Farbgrenzen und unsichere Linien, z.B. in Gesichtern. Wenn man diese abzieht, heben sich nur fünf Bilder als weitgehend oder völlig im Originalzustand ab:
aus Nizami, Khusrau va Schirin, S. 245 (Bild 11); aus Madschnun va Laili, S. 315 (Bild 15); aus Khwadschu Kirmani, Humay va Humayun, S. 629 (Bild 22); ebenda S. 675 (Bild 24); aus Khwadschu Kirmani, Gul va Nauruz, S. 734 (Bild 25). Weitgehend erhalten, aber mit wenigen übermalten Stellen sind aus Nizami, Khusrau va Schirin, S. 223 (Bild 7), S. 231 (Bild 8), S. 237 (Bild 9); aus Nizami, Madschnun va Laili, S. 345 (Bild 17), S. 354 (Bild 18); aus Khwadschu Kirmani, Gul va Nauruz, S. 735 (Bild 26), S. 741 (Bild 27).
Bereits Kühnel hatte nur zwei verschiedene Künstler in der Serie ausgemacht, von denen einer nur zwei Bilder beigesteuert haben soll (Bild Nr. 11, S. 245 und Nr. 14, S. 315), während dem anderen auch noch „schwächere Hände“ zugearbeitet haben sollen, beide weist er einer Schirazer Schule zu (Kühnel 1931, S. 150-151). Dies wird von Karin Rührdanz (1984, S. 38-39) und Eleanor Sims (1996, S. 614) mit kurzen weiteren Beobachtungen übernommen, wobei letztere nur Bild Nr. 11 (S. 245) und Nr. 14 (S. 315) als von einem frühen Meister des Schirazer Stils gemalt heraushebt. Unter Berücksichtigung der von diesen Autoren nicht behandelten Übermalungen sind zumindest auch die beiden Schlafzimmer-Bilder Nr. 23 (S. 644) und Nr. 26 (S. 735) als detailreiche Interieurs mit feinen Zeichnungen bemerkenswert, auch wenn sie Kühnel nicht gefielen, wohl wegen mancher unschön nachgemalter Gesichter (S. 150). Bild Nr. 14 (S. 315) mit seiner sterilen Landschaft muss nicht von derselben Hand wie das vielschichtigere Bild Nr. 11 (S. 245) sein, aber wohl aus einer Werkstatt. In den summarisch gezeichneten Gewändern und kleinen Figuren ähneln sich alle übrigen Bilder, doch zeigen einzelne reichere Szenerie und Landschaften, wie z.B. die goldgrundigen Nr. 8 (S. 231) und 9 (S.237) sowie das vielfach übermalte Nr. 21 (S. 596). Gegenüber manchen aufs Äußerste reduzierten Szenen fallen einfallsreiche Verkürzungen und „gewagte“ Ausschnitte, wie beim Bild Nr. 19 (S. 384), auf. Wie wenig sich die Bearbeiter der beschädigten Bilder um das Verhältnis zum Text kümmerten, lässt Bild 18 (S. 354) erkennen: zu der Geschichte der indischen Prinzessin im schwarzen Pavillon hat jemand im Bild den Raum blau übermalt, was auch zur Fehldeutung in der Beschreibung im Inventarblatt führte, während Kühnel und Enderlein (1970, S. 43) die Pavillon-Farbe vorsichtshalber nicht definieren. Bei zwei Bildern (S. 92 und 270) versagte allerdings die Phantasie der Nachschöpfer, oder ihre mutwillige Zerstörung, wohl wegen der als anstößig empfundenen Geschichten, geschah durch einen späten Benutzer. Dabei hat ein besonders ungeschickter „Restaurator“ die Gesichter der Christin und des Scheichs San’an noch nachzumalen versucht.
Während die Illustrationen deutliche Bezüge zu etwas späteren Schirazer Bildern zeigen – weniger deutlich erscheint ihr stilistischer Ursprung – ist die Ornamentik einzelnen Handschriften aus den Herater Hofateliers recht nahe, vgl. den undatierten Koran im Türk ve İslam Eserleri Müzesi, Inv. 564, (s.o. Lentz – Lowry). Der Kalligraph Mahmud al-Husaini könnte identisch mit dem Herater Schreiber der Khamsa-Epensammlung des Nizami, datiert Herat 1431 für Schahrukh sein (St.Petersburg, Inv. VR-1000, vgl. Eleanor Sims, Peerless Images, New Haven 2002, S.314).
Andererseits weisen nach Schiraz: eine zwar ohne Lokalisierung, aber mit vielen von Francis Richard nachgewiesenen Bezügen zu Schiraz bzw. dem Hofatelier des Mirza Iskandar dort wohl angefertigte Anthologie iranischer Epen, Paris, BnF, suppl. Persan 1469, datiert 1417. Sie zeigt zwar ähnliche Strukturen und Motive der Blau-Gold-Malerei und der Nutzung ungefärbter Grundflächen, im Einzelnen aber Unterschiede, die auf die etwas frühere Entstehung zurückzuführen sein mögen.
Die dem abweichenden, dickeren Farbauftrag nach nachträgliche Inschrift im älteren Medaillon könnte wegen der ihm nicht zukommenden Herrschertitel nach dem Tode Baisunqurs 1433, zu Lebzeiten seines Vaters, des Herrschers Schahrukh (gest. 1447), angebracht worden sein.
Außer mehreren Siegelabdrücken des frühen 18. Jahrhunderts S. 269 ein fragmentarisches Hexagon nasrun li ´llah .13 „Sieg ist bei Gott“, vielleicht 1130H ? Aber nach Kühnel (1931, S. 137) Siegel von Nasrullah, dem Bruder des 1919 ermordeten König Habibullahs von Afghanistan.
Derzeit sind die meisten Ornament- und Bildseiten aus dem Kodex gelöst, nur zwei schlechter erhaltene Miniaturen noch im Kodex. Die übrigen Blätter sind in den Kodex wiedereingebunden (2015), dabei der Einband wieder wie letztens zuvor mit der Innenseite (Doublure) nach außen und der Außenseite in dunklerem Leder nach innen verwendet.