Männliches Bildnis
Objektbeschreibung
Die subtil erfasste und sorgsam kolorierte Federzeichnung eines jungen Mannes steht ganz am Anfang der Entwicklung der selbstständigen Bildniszeichnung im deutschen Sprachraum. Sie entstand wohl um 1475 und gehört damit nach heutiger Kenntnis zu den frühesten autonomen Porträtzeichnungen der Region. Die hohe Kappe identifiziert den Dargestellten als einen Gelehrten. Kaum erkennbar ruht sein rechter Arm auf einem gehobelten Brett, möglicherweise einer Tischkante oder der Seite eines Schreibpults. Ein blauer Edelsteinring am linken Daumen der ineinandergelegten Hände sowie schmale Hermelinbordüren am Halsausschnitt und an den Ärmeln seines hellen Umhangs deuten auf seinen wohlhabenden Stand. Wer hier porträtiert ist, wissen wir jedoch nicht. Die Umgebung ist gänzlich ausgeblendet.
Der Zeichner legte den Akzent auf die Darstellung der Physiognomie und der Hände. Im Inkarnat des Gesichts und am Hals zeigt er ein lebhaftes Wechselspiel der Hauttöne. Die leichte Rötung der Wangen, des Nasenrückens und der Jochbeine führt über in die hellere Stirnregion und die durch Angabe von Bartstoppeln leicht gräulich-braun abgetönte Wangen- und Kinnregion. Diese geht in den verschatteten Hals über, dessen Haut unterhalb des Kehlkopfes wiederum deutlich heller wird. Insgesamt erscheint das Gesicht merklich dunkler als die Hände, die nicht unbedingt an die Arbeit im Freien gewöhnt zu sein scheinen. Mit großer Akribie sind die Adern auf den Handrücken ausgeführt, ebenso die Hautstauchungen am linken, wie beiläufig hochgebogenen Zeigefinger und die Hautoberfläche der prätentiös zusammengeführten Daumen. In scharfem Kontrast zu dieser mimetischen Darstellung steht die grafische Schilderung des Gewandes. Hier bildet eine dichte Schattierung durch lebendig gesetzte, präzise, tiefschwarze Federzüge des geradezu metallisch gefältelten Mantels einen spannungsvollen Kontrast zur sensiblen Kolorierung der Hautpartien im Gesicht und an den Händen des Porträtierten. Die grafische Ausführung erinnert in ihrer feinen, kurztaktigen Strichelung fast noch an die Katharinenstudie des Meisters E. S. (Kat. 75). Zudem durchbricht der lockige, unter dem Hut hervorquellende Haarkranz die scharfen Umrisslinien, die den hell gekleideten Dargestellten vom ebenfalls hellen Hintergrund absetzen. Die Locken treten in ihrer Pinselstruktur in ein Spannungsverhältnis zu den scharfen Konturlinien und den fein gestrichelten Stoffen von Kappe und Mantel. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Gestaltungsmittel verleiht dem Bildnis die markante Spannung von präziser Naturbeobachtung und subtiler Künstlichkeit, die in der Grafik ihrer Zeit ihresgleichen sucht und auch im zeitgenössischen gemalten Porträt kaum Parallelen findet.
Zu den wenigen gut vergleichbaren Werken zählt das gemalte Bildnis des Landshuter Stadtschreibers Alexander Mornauer in der National Gallery in London, das erstmals von Kurt Löcher mit der Bildniszeichnung in Zusammenhang gebracht wurde. Mornauer, der um 1464 bis 1488 Landshuter Stadtschreiber war, wird durch seine Kleidung als solventer Würdenträger ausgewiesen, ebenso wie der Unbekannte auf der Zeichnung. Zudem untermauert sowohl die Bildanlage der beiden Bruststücke mit den sprechend präsentierten Händen die Beziehung der beiden Werke als auch die Erfassung charakteristischer Details, etwa die Abdunkelung des beide Male markant bartgetönten Wangen- und Kinnbereichs oder die Verschattung des leichten Doppelkinns. Unmittelbar vergleichbar ist vor allem die sorgsame Gestaltung der Hände mit ihrer genauen Schilderung der Hautstruktur und der markanten Äderung, den ausgeprägt eckigen Daumenansätzen und dem jeweils nachdrücklich präsentierten kostbaren Daumenring. In der Zeichnung nimmt der Ring beinahe die Augenfarbe des Dargestellten auf. Trotz ihrer exponierten Stellung innerhalb der Kunst des späteren 15. Jahrhunderts ist die kunsthistorische Einordnung beider Arbeiten noch keineswegs abgeschlossen. Neben dem bayerischen Raum, der durch Mornauers Tätigkeitsort Landshut naheliegt, wird man auch im südlich anschließenden Tirol suchen müssen. Denn das Londoner Mornauer-Bildnis steht in enger Beziehung zum ebenfalls gemalten Bildnis Erzherzogs Sigismund des Münzreichen von Tirol in der Alten Pinakothek München. Sigismunds Kanzler wiederum war Mornauers Bruder Achaz Mornauer, der seinem Bruder nach Auskunft seines späteren, gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen Grabmals im Dom zu Brixen erstaunlich ähnlich sah. Ob er der Dargestellte der Bildniszeichnung ist, muss jedoch mangels weiterer Anhaltspunkte einstweilen dahingestellt bleiben.
Text: Michael Roth in: Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit. Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin. 1.5.-5.9.2021. Berlin 2021, S. 280, Kat. Nr. 98 (mit weiterer Literatur)