Grabstele des Kosmas
Objektbeschreibung
Die
Inschriftentafel gehört zur Gruppe der spätantiken Grabdenkmäler aus Ägypten
mit Totenklagen. Sie stammt aus Qaw in der Nähe von Assiut und ist sehr
sorgfältig in Marmor anstelle des in dieser Region üblichen Kalkstein
gemeißelt. Die Inschrift umfasst 43 Zeilen und ist sahidisch, einem koptischen
Dialekt, verfasst. Der Inhalt lautet übersetzt (nach Maria Cramer 1949):
"Oh
Tiefe der unergründlichen Weisheit des gütigen Gottes, wie er seit Urbeginn in
seiner großen Weisheit schuf! Er nahm Erde von Erde, er formte einen Menschen
nach seinem Gleichnis und Bilde, und er stellte ihn in das Paradies der Lust.
Als der Teufel die große Ehre sah, die Gott dem Menschen antat, beneidete er
ihn, und er warf ihn hinaus aus seinem Ruhm in diese Welt, voll von Leid, und
er raubte ihm den vollen guten Genuss. Er kam in die Fremde, nämlich dieses
Leben, voll von Schaden, Kummer, Tränen und Seufzen. Schlimmer aber als alles
dies ist folgendes: Als Gott sah, dass er (der Mensch) ungehorsam war, da
verhängte er über ihn eine bittere Strafe, den Tod, den er über ihn und seinen
Samen bis in Ewigkeit zum Herrn setzte durch die Worte: 'Adam, du bist Erde,
und du wirst dich wieder zur Erde wenden'. Das vollzog sich nun an mir, mir dem
Elenden, Unglücklichen. Bis zu dem Tage kannte ich mich (selbst) nicht in
meinem Hause, da ich (dort stets) war, frisch, als kräftiger Baum. Meine Frau
und meine Kinder waren um meinen Tisch, ich freute mich mit ihnen, und sie
freuten sich mit mir zugleich. Mein Haus war fruchtbar im Genusse dieser Welt.
Ich war das Abbild meines ersten Vaters, Adam, als er (noch) im Paradiese war,
bevor das Urteil Gottes über ihn kam. Als die Heimsuchung Gottes mich plötzlich
ergriff, ohne mein Wissen, wie geschrieben steht: 'Der Tag des Herrn kommt, wie
der Dieb', da wusste ich nicht, noch bedachte ich (es), dass sie (die
Heimsuchung) mich in diesen Tagen erfassen würde, mich, den Elenden. Als nun
der Zeitpunkt sich erfüllte, da fällte man mich wie einen Baum, den man
niederhaut. Ich geriet in große Not, inmitten aller, die mich kannten. Alle
meine Knochen wurden zerrieben, und mein ganzer Körper war in Gefahr infolge
der großen seuchenartigen Krankheit, die bis an meine Kehle mich plötzlich
überfiel. Sie (die Kehle) wurde durch die große, schwere Krankheit ergriffen, so
dass niemals wieder Nahrung durch sie hindurchging. Oh große Not, oh furchtbare
Stunde, oh welch Verderben und welche Vernichtung des Menschen! Oh, das große
Herzeleid (wegen) meiner Kinder, die in der Fremde waren, während ich mich nach
ihnen sehnte. Es ward mir keine Frist gegeben, bis sie kamen, auf dass ich sie
noch einmal sähe und mein Wort an sie richtete, bevor ich starb, ich der elende
Kosmas. Der Tag, an dem der selige Kosmas starb (war) der 9. Mesore (im Jahre)
515 nach Diokletian (und) m Jahre 189 der Sarazenen."
Das Jahr 515
nach Diokletian entspricht dem Jahr 799 unserer Zeitrechnung, das Jahr 189 der
Sarazenen allerdings dem Jahr 805. Die Angaben stimmen also nicht überein. Eine
befriedigende Erklärung dafür gibt es bisher nicht, möglicherweise liegt
lediglich ein Schreibfehler zugrunde. Der Wortlaut des Textes entspricht bis
auf kleine Abweichungen den anderen Grabinschriften mit Totenklagen aus der
Umgebung von Assiut. Es hat offenbar eine standardisierte Vorlage gegeben.