Deutsches Ballett
Objektbeschreibung
Ausgehend von Anregungen aus der klassischen Moderne, etwa dem Kubismus oder dem Bauhaus, sowie der westlichen Pop-Art (z.B. von Richard Lindner oder Tom Wesselman) hatte sich Ticha seit den späten 1960er-Jahren einen eigenen Stil erarbeitet. Neben unverfänglichen Sujets entstanden ab 1979 auch systemkritische Arbeiten, die in der DDR nicht ausgestellt werden konnten, darunter „Deutsches Ballett“. Gezeigt sind drei monumental ins Bild gesetzte Soldaten, die mit ihren Gewehren im Stechschritt paradieren. Winzige, gesichtslose Kugelköpfe und überdimensionierte Hände lassen die grau Uniformierten wie groteske Puppenautomaten erscheinen. Erste Zeichnungen zu diesem Thema entstanden um 1980 und trugen Bleistiftnotate wie „Der Stolz auf die Soldaten ist zu entwickeln“ oder „Ballett teutsche Trachtentruppe“ (Abb. in: Hans Ticha. Anhaltender Beifall. Bilder aus der DDR, Berlin 1991, S. 58 f.) „Meine Bilder sind zum überwiegenden Teil Reflexionen der Selbstdarstellung der Herrschenden. Es sind die bombastischen Riten, abgebildet auf stereotypen Zeitungsfotos […]: Fahnenübergaben, Ordensverleihungen […], Fahneneide, Militärparaden […].“ (Hans Ticha, Nachsatz, in: ebd., S. 109 f.) Unsichtbar aufbewahrt wurde diese Werkgruppe bis zum Ende der DDR in den Tiefen des Wohn- und Arbeitslabyrinths, das Ticha in einem ruinösen Gebäude in der Berliner Rykestraße 28 angelegt hatte, wo er die ihm zugewiesene Kleinwohnung durch die Räume ausgezogener Nachbarn bis auf 350 Quadratmeter erweitern konnte. | Dieter Scholz