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Objektbeschreibung

Historischer Hauptkatalog
HK: "Sack aus Tierhaut mit Utensilien eines Zauberers. 3 Fettkalebassen, 2 Kalebassen mit Stoffstöpseln, 1 Kalebassenhals, 1 Bambusbüchse, 2 Pakete mit Knöchelchen, 1 mit Hölzchen, 1 geschnitzte hölzerne Pulverbüchse, 2 Ketten aus weißen Glasperlen, zusammengeknotete Schnüre mit Amuletten, 1 kleines Medizinhorn, viele kleine u. große Hölzer, zahlreiche Knöchelchen, Rindenzeuge u. a. mehr. Bez. Mohorro"

Vorbesitzer/in
Heilkundige oder Heilkundiger aus Mohoro

Aneignungskontext
Das Kaiserliche Gouvernement von „Deutsch-Ostafrika“ in Dar es Salaam übersandte 1907 Objekte mit einem Gewicht von 1.914 kg an das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin. Es handelte sich um „Kriegsbeute“ aus dem Maji-Maji-Krieg (1905–1907), in dem bis zu 300.000 Afrikaner*innen starben, darunter möglicherweise auch die Besitzerin oder der Besitzer dieses großen Beutels mit medizinischen Objekten. Was die sogenannten Sammler damals als „bewahrenswert“ beurteilten, entsprach dem Paradigma der damaligen Ethnologen, afrikanische Gesellschaften als „Naturvölker“ jenseits von Geschichtlichkeit und Wandel zu erforschen – und durch die selektive Sammeltätigkeit als solche zu konstruieren.
So bestand die Auswahl für das Museum hauptsächlich aus „traditionellen“ Waffen, die in großen Mengen für den Krieg hergestellt worden waren. Moderne Vorderlader, obwohl auch massenhaft im Krieg erbeutet, befanden sich nicht darunter. Jedoch verweist schon die koloniale Etikettierung „Kriegsbeute“ auf die Historizität der Objekte. Die Objekte des Beutels fungierten als d a w a (Kiswahili für Medizin), welche die Deutschen abwertend mit „Zauberei“ verknüpften; damit entsprachen Beutel und Inhalt dem Stereotyp „primitiver“ afrikanischer Gesellschaften. Zugleich entsprach der Beutel den Narrativen der Deutschen, die mehrheitlich sogenannte „Zauberer“ und die Verteilung von Medizin für die Ausdehnung des Krieges verantwortlich machten. In den Kriegsjahren verbreitete sich die Prophezeiung eines gewissen Kinjikitile: Aufgrund der Einnahme einer wasserhaltigen Medizin würden sich die Geschosse der deutschen Soldaten in Wasser (‚maji‘) verwandeln und an den Kämpfenden wie Wassertropfen abperlen. Eben dieser Kinjikitile wurde höchstwahrscheinlich in Mohoro, dem Bezirksamt des Bezirks Rufiji, von den Deutschen im Juli 1905 exekutiert. Auch andere Heilkundige wurden verhaftet, zu sogenannter Kettenhaft verurteilt und deren Besitz (auch heilkundliche Objekte) konfisziert. Im Inventarbuch des Museums findet sich zur Objektgruppe der historische Vermerk „Bez. Mohorro“ (Mohoro). Auch wenn es nach jetziger Quellenlage nicht möglich ist, die Objektgruppe einem der in Mohoro Gefangenen konkret zuzuordnen, zeigen die Schilderungen der Ereignisse in Mohoro, wie mit mutmaßlich am Aufstand bzw. Krieg beteiligten Medizinkundigen verfahren wurde; denn auch in den folgenden Monaten und Jahren wurden Personen inhaftiert und exekutiert, die im Verdacht standen, ‚maji‘ als „Kriegsmedizin“ zu verbreiten. Eine direkte Verbindung der Objektgruppe mit den kurz geschilderten dramatischen Ereignissen in Mohoro kann anhand der Quellen allerdings nicht belegt werden. Er könnte auch bei späteren Verhaftungen in und um Mohoro angeeignet worden sein. Dennoch, die Möglichkeit eines direkten Zusammenhanges besteht, und die im Berliner Museum verwahrten „Zauberutensilien“ sind eng mit dem Maji-Maji-Krieg verbunden.

Quellen
Beez, Jigal (2003): Geschosse zu Wassertropfen. Sozio-religiöse
Aspekte des Maji-Maji-Krieges in Deutsch-Ostafrika
(1905–1907). Köln: Rüdiger Köppe Verlag.
Iliffe, John (1979): A Modern History of Tanganyika. Cambridge: Cambridge
University Press.
Monson, Jamie (2010): „War of Words: The Narrative Efficacy of
Medicine in the Maji Maji war“, in: James Giblin und Monson (Hg.): Maji Maji. Lifting the Fog of War. Leiden und Boston: Brill, S. 33–69.
Reyels, Lili, Paola Ivanov, Kristin Weber-Sinn (Hg.): Objekte aus den Kolonialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin (dreisprachig Englisch, Deutsch, Kiswahili). Ein tansanisch-deutscher Dialog. Berlin: Reimer.
Stollowsky, Otto (1912): „Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Aufstandes
in Deutsch-Ostafrika im Jahre 1905/06“, in: Die deutschen
Kolonien 1 (5–8), S. 5–18 (Geheimes Staatsarchiv, Preußischer
Kulturbesitz, VI.HA, NL Nigmann, 109).
Stollowsky, Otto und East, John W. (1988): „On the Background
to the Rebellion in German East Africa in 1905–1906“, in: The International
Journal of African Historical Studies 21 (4), S. 677–696.
Sunseri, Thaddeus (1997): „Famine and Wild Pigs: Gender Struggles
and the Outbreak of the Maji Maji War in Uzaramo (Tanzania)“, in:
The Journal of African History 38 (2), S. 235–259.

Bundesarchiv 1001/6112
SMB-PK, EM, I/MV 801
Tanzania National Archives G8/5

Inventarnummern (gesamt) der Kriegsbeute: III E 14704, III E 14706, III E 14707, III E 14708, III E 14718, III E 14729, III E 14742, III E 14751, III E 14757 III E 14760, III E 14762, III E 14763, III E 14766, III E 14767, III E 14770, III E 14774, III E 14777 a-k, III E 14778, III E 14779, III E 14780, III E 14781 a-f, III E 14782 a-f, III E 14783 a-e, III E 14784 a-e, III E 14785, III E 14786 a-g, III E 14786 a-g, III E 14787 a-q, III E 14788, III E 14790, III E 14791, III E 14792, III E 14793