Objektbeschreibung
In einem vergoldeten Holzrahmen befindet sich eine aus Wachs gegossene Figur der Heiligen Notburga mit zweien ihrer Attribute, der Sichel und einer Strohgarbe. Auf beiden Seiten sind in Kopfhöhe Oblaten mit Engeln angebracht. Die Figur ist umringt von Blumen aus Haaren und textilem Gewebe, die zum Teil mit Perlen verziert sind. Mit einer goldenen Papierborte gesäumte Tüllgardinen begrenzen die Bildfläche nach vorne. Die Szene wird von buntem Papier und Tüll, Tinseln, Papierblumen und einer farbigen Papierborte umrahmt. Die Heilige Notburga steht auf in Tüll verpackten Holzsplittern. Die darunter befindliche Inschrift auf einem Stück Papier ist nicht mehr lesbar. Links, rechts und oben befinden sich an den Innenseiten des Kästchens kleine Oblaten, auf denen »Zur Erinnerung«, »Zum Andenken« und »Gedenke mein« zu lesen ist.
Die Heilige Notburga (auch Notburg von Eben oder von Rattenberg) war der Legende nach eine Magd auf Schloss Rottenburg bei Rotholz am Inn. Sie galt als großzügig und fürsorglich: Speisereste vom Hof überließ sie Bedürftigen. Als ihre Herrschaften dies unterbinden wollten, gab sie den Armen von ihrem eigenen Essen. Sie wurde dabei ertappt – doch als sie ihre Schürze öffnete, hatten sich die Lebensmittel in Holzspäne verwandelt. Der Erzählung nach trat sie anschließend in die Dienste eines Bauern. Als dieser eines Tages verlangte, sie solle nach Feierabend weiterarbeiten, soll Notburga ihre Sichel in die Luft gehängt haben und zum Gebet gegangen sein. Nach ihrem Tod ließ sie sich von einem Ochsenkarren ziehen, wohin die Tiere gehen wollten: An deren Ankunftsort, in Eben, wurde eine Notburga-Kirche erbaut.
Notburgas Verehrung ist seit dem 15. Jahrhundert belegt, ihr Festtag ist der Sonntag nach dem 13. September. Sie gilt als Patronin der Bauern und der Armen. Das Haarbild könnte im Anschluss an eine Wallfahrt nach Eben entstanden sein. Es entspricht formal einer Klosterarbeit: Dabei handelt es sich um Kastenbilder der religiösen Andacht, in deren Zentrum sich eine Reliquie, ein Agnus Dei, eine Wachsfigur, ein Andachtsbild oder ähnliches befindet. Der Name rührt daher, dass sie vorwiegend in Klöstern hergestellt wurden. Ihre Blütezeit hatten die Klosterarbeiten im 17. und 18. Jahrhundert. Sie werden auch »Schöne Arbeiten« genannt, was auf ihre Materialvielfalt verweist: Verwendet wurden kostbare Stoffe, Gold- und Silberdraht, bunte Glassteine oder -perlen, Pailletten, aber auch Glimmer, Muscheln, Spiegel und Schneckenhäuser. Auch das vorliegende Haarbild ist deutlich bunter, voller und mit einer größeren Materialfülle ausgestattet als die anderen Haarbilder des MEK.
Literatur: Jana Wittenzellner (2020): Haarbilder. Erinnerungen unter Glas. Husum: Verlag der Kunst.