Massacre
Objektbeschreibung
Seit den frühen surrealistischen Stillleben mit ihrem assoziativen Ineinanderübergehen der Dinge (vgl. „Der Flügel“, B 790) kreiste die Kunst Massons um das Problem der Entindividualisierung. Bald verstärkten sich die aggressiven Aspekte dieser Auflösung, die zunächst mehrfach in der aufgeschnittenen, „blutenden“ Granatapfelfrucht, dann in den getöteten Vögeln (etwa in „Oiseau percé de flèches“, WVZ Ades/Masson 2010, 1925*31) aufblitzten. Die Sandbilder entwickelten seit 1927 die Figur des Jägers/Opfers (vgl. B UHP 95/13) und des teils friedlichen, teils feindlichen Verhältnisses Mann – Frau. Seit 1928 entstanden absurde Massenkampfszenen zwischen Fischen, Pferden und Fischen oder Fischen und Vögeln. Auch hier prägt die Ambivalenz von Todeskampf und Liebesspiel die Darstellung. Illustrationen zu Marquis de Sade, Louis Aragon, Georges Bataille („L’Anus solaire“, 1931) und Thérèse Aubray („Battements“, 1933) imaginieren Massenszenen zwischen Orgie und Schlächterei. Der „Raub der Sabinerinnen“ (1635–1640; National Gallery London) von Peter Paul Rubens hat eine Reihe von Darstellungen inspiriert. Das vorliegende Bild ist eine der ersten Formulierungen der „Massaker“, die ab 1932 neben den „Enlèvements“ (Raube) zum Hauptthema Massons wurden. Die Werke verarbeiteten einerseits immer noch das Erleben des Ersten Weltkriegs, andererseits standen sie unter dem Eindruck zunehmender politischer Spannungen in Frankreich, Spanien und Deutschland. Kunsthistorisch steht die verschlungene Komposition in Zusammenhang mit antiken Sarkophagreliefs und namentlich Michelangelos Schlacht der Lapithen und Kentauren (1492; Casa Buonarroti, Florenz). | Kyllikki Zacharias