Oiseau lunaire
Objektbeschreibung
Der „Mondvogel“ ist als Gegenstück zum „Sonnenvogel“ konzipiert. Während der „Sonnenvogel“ von 1946 (WVZ Fernández Miró / Ortega Chapel 2006, 29), die erste Bronze Mirós überhaupt, grundsätzlich eine horizontal schwebende Walze (Phallus) darstellt, ist der „Mondvogel“ aus mehreren mondsichel- oder hornförmigen Gebilden zusammengesetzt. Sein Körper ist ein Bogen, dessen Hornspitzen abgeschnitten sind; Schwanz, Flügel, Schnabel, ja selbst die Augen bestehen aus solchen abgeschnittenen Hornspitzen. Aus der wiederholten Addition und Teilung dieses einzigen geometrischen Grundelements, das in sich selbst schon nicht statisch ist, sondern in der Dicke ständig zu- und abnimmt und dessen Achse stets von der Geraden abweicht, entsteht ein in allen Raumebenen sich entwickelnder, komplex verzweigter Organismus. Traditionell ist das zu- und ab- und wieder zunehmende Nachtgestirn mit dem Leben verbunden, und zwar in doppelter Hinsicht: sowohl mit seiner weiblichen (Monatsblutung) als auch mit seiner männlichen Seite (Hörner des Himmelsstiers). Diese mythischen Bezüge spielen auch beim „Mondvogel“ eine Rolle. Hinzu kommt das im Gesamtwerk Mirós so zentrale Motiv des Vogels. Ei, Flug und Gesang sind archetypische Metaphern für das Leben und das schöpferische Hervorbringen der Kunst. Miró hat den „Mondvogel“ in zahlreichen Materialien und Größen wiederholt. Eine Version stiftete er 1977 der Stadt Paris, wo sie auf dem Platz des nicht mehr existierenden Hauses in der Rue Blomet 42 steht, in dem er sein erstes Atelier hatte (Square de l’Oiseau lunaire). | Oliver Seifert