Objektbeschreibung
Sichel mit Holzgriff.
Laut dem Ethnografen Christo Vakarelski waren in Bulgarien bis ins frühe 20. Jahrhundert zwei Sicheltypen verbreitet; die gezähnte und die ungezähnte, worunter dieses Objekt fällt. Sie kommt v.a. im Strandza-Gebirge und im heute griechischen Teil Thrakiens vor und wird auch kavrama oder sírma genannt (und seltener sъrp/сърп, was der sonst gebräuchliche Ausdruck ist.
Der Sammler Gustav-Adolf Küppers-Sonnenberg sammelte das Objekt im Juni 1939 im thrakischen Strandža-Gebirge südlich von Burgas am Schwarzen Meer. Dies geschah im Rahmen der letzten seiner insgesamt fünf Sammelreisen auf dem Balkan. Sammelorte waren dabei vor allem die Ortschaften Brodilovo, Sozopol, Zarewo (früher auch unter dem griechischen Namen "Wasiliko" bekannt) und Balgari (früher auch unter dem griechischen Namen "Vurgari" bekannt).
Küppers war u.a. im Auftrag der Abt. "Eurasien" (später Abt. "Europa") des damaligen Museums für Völkerkunde unterwegs. An mehreren Orten nahm er auch Wachswalzen für die Phonogrammabteilung des Museums auf. Zudem betätigte er sich im Zeichen der nationalsozialistischen Rassenpolitik: Für das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik fertigte er in vielen Dörfern Fingerabdrücke der Bewohner*innen an. Zudem machte er Portraitaufnahmen, die die vermeintlich typischen Physiognomien der Menschen zeigten und taxierten. Diese veröffentlichte er auch in nationalsozialistischen Periodika, wie "Volk und Rasse". Aufnahmen von Menschen während der Festivitäten in Panitscharewo, finden sich auch in: Karl C. von Loesch, Wilhelm E. Mühlmann, Die Völker und Rassen Südosteuropas, Prag 1943, S. 76.
Ein Hintergrund der Sammlungstätigkeit von Küppers war die Industrialisierung und Urbanisierung der Staaten Südosteuropas und die mit ihr einhergehende soziale und kulturelle Differenzierung. In der Landwirtschaft wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend Maschinen und Technisierung eingeführt, die die vorherigen Verfahren und Instrumente ablösten. Zugleich verliefen diese Prozesse gerade in Bulgarien eher schleppend; die technische Ausstattung der meisten Betriebe blieb hier sehr schlecht und noch 1930 waren 74% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig (s. Brunnbauer, 178). Dennoch bestand eine wesentliche Motivation von Küppers in der Dokumentation eines - seiner Meinung nach - dem Aussterben geweihten bäuerlichen und dörflichen Zusammenlebens mitsamt seiner materiellen Kultur.
Küppers Tochter Heimtraut beschrieb diesen Teil der Reise in ihrem Reisetagebuch, vgl. Einträge ab 3.6.1939 (MEK, Ident.-Nr. N (62 F) 2/2023)