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Motiv: Huldingungsszene (citang huaxiang shi 祠堂畫像石)


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Objektbeschreibung

Die mit figurativen Reliefzeichnungen auf schraffiertem Hintergrund versehene Steinplatte war an die Innenwand einer Ahnenhalle angebracht. Somit war sie Bestandteil der Inneneinrichtung eines Gebäudes, das zu einer Grabanlage gehörte. Auf den bildlichen Darstellungen des Steinplattenreliefs werden Verehrungsgesten und Pietätsbekundungen von Rangniedrigeren gegenüber Ranghöheren thematisiert:
In der ersten Etage eines zweistöckigen Gebäudes verbeugen sich mehrere Gäste vor und hinter ihrem sitzenden Gastgeber. In beiden Händen halten die Besucher auf Brusthöhe Audienztafeln (hu笏). Durch diese Geste demonstrieren sie ihre einfachere soziale Stellung gegenüber dem sie empfangenden Würdenträger. Der Gastgeber unterscheidet sich auch durch die Art seiner Kleidung, Kopfbedeckung, Barttracht und Waffen von den Besuchern. Vor den turmförmigen Torsäulen an den Seiteneingängen des Gebäudes stehen weitere Gäste. Auch sie halten ihre Audienztafeln bereit.
Im zweiten Stock des Gebäudes sitzen hinter einem Geländer Personen, die möglicherweise Ahnen darstellen. Ihnen nähern sich ebenfalls beidseitig Menschen in ehrfürchtiger Körperhaltung.
Loyalitätsbekundungen gegenüber Verstorbenen waren, als ein konfuzianisches Gesellschaftsideal, zentraler Bestandteil der in der Ahnenhalle durchzuführenden Totengedenkriten. Auf einen Jenseitskontext der bildlichen Gesamtdarstellung dieser Ahnenhallen-Reliefplatte weist zudem eine Vielzahl weiterer darauf abgebildeter Gegenstände und Motive hin:
Die turmförmigen Torsäulen vom Typ que 闕, die das zweistöckige Gebäude beidseitig flankieren, hatten zur Zeit der Östlichen Han-Periode die Funktion von oberirdischen Grabskulpturen. Sie werden auf dieser bildlichen Darstellung symbolisch in die Wohnarchitektur integriert - als Pfeiler eines Hauses mit Referenz zum Jenseits. Manchen Tieren auf dem Gebäudedach und den Tordächern wird eine Funktion beim sicheren Transfer des Toten und seiner Seele in die Jenseitssphäre zugeschrieben. Dies trifft beispielsweise auf die beiden Hähne zu, die zwischen zwei Phönixen auf dem Gebäudedach stehen. Ihrem Krähen wird eine Dämonen vertreibende Kraft zugeschrieben, und noch heute spielt in China der Hahn und das Hahnenmotiv bei der Ausstattung von Toten und Gräbern eine Rolle. Auf dem Dach der linken Torsäule und rechts auf dem Gebäudedach sitzen Eulen. Ihnen schrieb man die Fähigkeit zu, Seelen sicher von der diesseitigen in die jenseitige Welt zu befördern. Daher wurden Eulenfiguren in der Han-Dynastie auch als Grabbeigaben verwendet. Neben den Eulen sitzt auf dem oberen Dach der linken Torsäule ein Affe. Das Schriftzeichen für den Begriff Affe ist in seiner chinesischen Aussprache „hou 猴“ gleichklingend mit dem Ausdruck „hou 侯“, der einen hohen Adelsrang bezeichnet. Dieser Titel steht möglicherweise mit dem Verstorbenen in Verbindung. Der Kranich auf dem unteren Dachvorsprung der linken Turmsäule symbolisiert ein langes Leben. Die vor den Torsäulen stehenden Bäume haben ein gleichmäßig strukturiertes, miteinander verbundenes Astwerk sowie parallel angeordnete Blüten. Alle diese stilisierten Attribute stehen bildhaft für familiäre und politische Eintracht. Gleichzeitig wird durch die paarweise und symmetrische Darstellung der Bäume sowie der meisten Tiere ein dekorativer Effekt für die bildliche Gesamtkomposition erzielt.
Im untersten Teil des Reliefs sind Pferde dargestellt, die Wagen ziehen. In den Wagen sitzen Kutscher und in Roben gekleidete Personen. Der im Dreigespänner sitzende Mann ähnelt mit seinem hervorgehobenen Schnurr- und Backenbart und der Kopfbedeckung dem Würdenträger, der im Bildabschnitt darüber Besucher empfängt. Auch sitzt mit ihm im Wagen ein Begleiter, der eine Audienztafel hält. Die Darstellung von Pferdewagenprozessionen auf Architekturelementen von Grabanlagen der Han-Zeit steht wahrscheinlich für den Wunsch auf ein sicheres Geleit des Verstorbenen ins Jenseits. Oft werden solche Wagenzüge auf ähnlichen Darstellungen von Unsterblichen (xian 仙) begleitet. Dies stellt ein Indiz für die Assoziation des Pferdes mit einem Transportmittel in ein taoistisches Jenseitsgefilde dar.
Die Pferde sind mit Details wie gestutzten Mähnen und zu Knoten zusammengebundenen Schweifen abgebildet. Sie haben zugunsten einer expressiven Formensprache keine naturalistischen, sondern vielmehr abstrakte Körperumrisse.

August 2008, Martin Schwedes




Das Hauptmotiv des Reliefs zeigt ein zweistöckiges Torgebäude, das links und rechts von Wachtürmen flankiert wird. Die symmetrische Darstellung wird durch eine geschlossene Tür im Obergeschoß betont, wo sechs Frontalfiguren mit unterschiedlichem Kopfschmuck thronen.
Im Ergeschoß nimmt die ihrer Bedeutung entsprechend am größten dargestellte Figur des Hausherren die Ovationen von sich auf die Erde werfenden und sich verbeugenden Beamten entgegen.
Auf dem Hausfirst ist ein Phönixpaar zu erkennen, zwei Bäume rahmen die Szene. Eine Wagenprozession in dem Fries unterhalb des Torgebäudes zeigt die Ankunft weiterer Besucher; die Hauptperson fährt in einem Dreispänner.
Platten mit ähnlichen Szenen stehen an zentraler Stelle an der Rückwand der Schreine von Wuliangci (Prov. Shandong).

Die Szene kann als Illustration der idealen Regierung eines konfuzianischen Fürsten interpretiert werden: Der Edle residiert in seinem blühenden Hausstand und regiert ohne Gewalt über die sich freiwillig unterwerfenden Untertanen. Unter seinem weisen Regiment kommen Phönix und Wunderbaum als glückbringende Omina hervor und versprechen dem Volk Frieden und Reichtum.
(Nach: Doris Croissant, in: Wege der Götter und Menschen, Religionen im traditionellen China. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Berliner Museum für Völkerkunde, 1989/90).

Dieses Relief wurde um 1991 wieder montiert in die Dauerausstellung zur Kultur Chinas integriert, dann aber zugunsten zahlreicher Sonderausstellungen in diesen Räumen eingeschreint.

Es wird im Juni 2003 für eine konservatorische Behandlung abgebaut und vermutlich ab dem Spätherbst im Pariser Musée National des Arts Asiatiques-Guimet in der Ausstellung „Confucius, Printeps et Automnes“ (November 2003-Februar 2004) als Leihgabe gezeigt.