Besuch im Eisenwalzwerk (Zum Gedenken der 25jährigen Teilhaberschaft von Eduard Arnhold an der Kohlefirma Caesar Wollheim am 1. Januar 1900)
Objektbeschreibung
Im Entstehungsjahr dieses Gouachebildes wohnte und arbeitete der 85jährige Menzel gerade 25 Jahre im Hause Sigismundstraße 3 am Tiergarten im »alten Westen«, Berlins, das dem in der Nähe wohnenden Kaufmann Eduard Arnhold gehörte. Dieser hatte das Gebäude schon zu Menzels Lebzeiten verkauft, allerdings mit der Auflage, den bereits vorgesehenen Abbruch auf die Zeit nach Menzels Tod zu verschieben. Arnhold, der ein außerordentlich erfolgreicher Handelskaufmann war, hat sich auch als Mäzen und Kunstsammler hervorgetan. Früh erwarb er französische Impressionisten, aber vor allem deutsche Künstler wie Klinger, Böcklin, Tuaillon, Leibl, Thoma, die Deutsch-Römer, Corinth und Liebermann. Von Menzel besaß er etwa zehn Arbeiten (vgl. Hugo von Tschudi, in: Kunst und Künstler, 7/1909, 5. 19f.). Seine Laufbahn hatte Arnhold 1863 mit einer Handelslehre in der Kohlefirma Caesar Wollheim in Berlin begonnen, war 1875 bereits Teilhaber und 1882, nach Wollheims Tod Inhaber der Firma. Unter seiner Leitung florierte das Unternehmen international, 1891 wurde er zum Geheimen Kommerzienrat ernannt und avancierte zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Wirtschaft des deutschen Kaiserreichs.
Unser Blatt entstand zum Gedenken der 25jährigen Teilhaberschaft Arnholds am 1. Januar 1900, auf Bestellung seiner Frau Johanna Arnhold. Eine Verzögerung der Arbeit erklärte Max Jordan mit Menzels Gründlichkeit, und das Gedenkbuch für Eduard Arnhold 1928 mit dem Abdruck eines leider undatierten Briefes Menzels: »Hochgeehrte Frau! Ich bin in den letzten Tagen durch eine Zwischenarbeit aus Anlaß des Kaisers sehr unterbrochen worden, daher nicht imstande gewesen, weiterzuarbeiten. Es schadet jedoch ihrer Angelegenheit durchaus nicht, daß das Werk um eine Woche verzögert wird - im Gegenteil. Die erwähnte Sache ist unvermeidlich. Hochachtungsvoll ergebenst v. Menzel« (Max Jordan: Das Werk Adolf Menzels 1815-1905, München 1905, S. 100; Ein Gedenkbuch – Eduard Arnhold, hg. von Johanna Arnhold, Berlin 1928, S. 218). Der Anlaß gab Menzel Gelegenheit, noch einmal eine letzte Reminiszenz seines »Eisenwalzwerks« (1875, Nationalgalerie Berlin) in einer ganz freien Variation des Themas vorzunehmen. Vielleicht eingedenk häufiger Reisen des zu Beschenkenden entwarf Menzel eine Besuchsszene auf dem Gelände eines Hüttenwerkes mit Hochofen und Rohrleitungen im Hintergrund. Ein Aufsichtsrat in Begleitung zweier Damen begrüßt den Direktor, ihm jovial die Hand schüttelnd, während sein Hund an ihm hochspringt und im Vordergrund ein merkwürdig blickender Arbeiter Kohle schaufelt. Arnhold war selber mehrfach im Monat in Oberschlesien, was er »ins Revier fahren« nannte, wie im Gedenkbuch mitgeteilt wird, wobei es auch naheliegt, Menzel habe Arnhold selber mit Frau und Tochter Else gemeint.
Im Vergleich zur ausgeklügelten Komposition mit ornamentaler Umrahmung des Gedenkblattes zum 50jährigen Bestehen des Eisen-, Kupfer- und Messingwerkes der Firma Heckmann in Berlin von 1869 (Kupferstichkabinett Berlin) ist es erstaunlich, zu sehen, wie souverän, anscheinend mühelos, Menzel dreißig Jahre später seiner Idee Gestalt verlieh. Er hatte die unerhört fortschreitende Industrialisierung und deren Probleme im Laufe dieser Jahrzehnte wahrgenommen, unter ihren Erscheinungen mehrfach Motive seiner Kunst gefunden. Schon in der »Heckmann-Adresse« standen Schmelz- und Walzarbeit in den Werkhallen in zwei Szenen im Mittelpunkt. Um sein »Eisenwalzwerk« malen zu können, war Menzel 1872 nach Königshütte in Oberschlesien gefahren und hatte die sozialen Nöte der arbeitenden deutsch-polnischen Bevölkerung kennengelernt. 1871 waren Aufstände im Hüttenrevier - durch Bismarcks antikatholische Maßnahmen forciert - mit Militärgewalt niedergeschlagen worden. Damals hatte er sich zeichnend im Hintergrund der kleinen Gouache »Am Dampfhammer« dargestellt, auf der vorn groß ein Arbeiter an dieser Maschine steht (1872, Leipzig Museum der bildenden Künste, Graphische Sammlung). Das war ein Auftakt zu seinem danach mit großem Atem gemalten »Eisenwalzwerk«. Nichts von Maschinen und den nach ihrem Takt schuftenden Arbeitern nun mehr in unserem farbig brillanten Bildchen. Hier nun scheint es als habe Menzel auf leicht erzählende Weise dennoch etwas an scharf zupackender, tendenziöser Direktheit zum Ausdruck gebracht. Es gelang ihm, aus innerer Anschauung seine Gedanken in einer charakteristischen Darstellung der Konfrontation zweier Welten so zu fassen, daß die dahinter stehenden sozialen Widersprüche deutlich ablesbar werden. Für den schemenhaften Hintergrund verwendete Menzel eine Zeichnung, Hochofen mit Rohrleitung, die 1872 in Königshütte entstanden war (Berlin, Kupferstichkabinett, dort elf weitere Studien zu den Figuren aus der Entstehungszeit der Gouache). Laut Einnahmebuch (jetziger Standort unbekannt) erhielt Menzel von Arnhold im Mai 1900 7000 Thaler für die Gouache. Sie ist eine der letzten farbigen Arbeiten und trägt wie seine späten bildhaften Bleistiftzeichnungen hinter dem Abbild anscheinend spontan erfaßter Realität das Spiegelbild gedanklicher Inspiration, das immer zum ganz persönlichen Bekenntnis wird.
Text: Marie Ursula Riemann-Reyher, in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 389ff., Nr. VII.39 (mit weiterer Literatur)
Die im Pinselduktus frei gearbeitete Gouache gehört zu den letzten farbigen Arbeiten des damals 85-jährigen Menzel. Sie ist einem freundschaftlich verbundenen Bekannten gewidmet, dem Kaufmann, Unternehmer, Kunstsammler und engagierten jüdischen Mäzen Eduard Arnhold. Seine Frau Johanna hatte sie zu seinem 25-jährigen Jubiläum als Chef der später in sein Alleineigentum übergegangenen Kohlegroßhandlung Caesar Wollheim beim Künstler direkt bestellt. Häufig wird behauptet, Menzel habe hier im Rückgriff auf sein berühmtes Gemälde „Eisenwalzwerk“ (1875; Berlin, Nationalgalerie) durch den Kontrast des schuftenden Proletariers und der saturierten Großbürger sozialkritische Akzente gesetzt. Das Bild gibt eine solche Deutung aber nur in Form eines ironisch-humoresken Palimpsestes her. Der Pfeife rauchende, aufmerksam grienende Mann im rechten Vordergrund steht für die Welt der Arbeit als solche, die durch den Kohlehandel Arnholds in Schwung gehalten wird. Die Gruppe ganz links verkörpert den Geehrten, der dem Direktor eines Gießwerks die Hand reicht, und dessen Familie. Sein Begleiter im Bild – ein großer, zotteliger Spürhund – pointiert die Geste des Handschlags, indem er genau auf diesen Akt des Vertrauens hin zuspringt. Er nimmt als Gelenk der Komposition eine zentrale Rolle ein: In ihm sammeln sich die Grundfarben des Blattes, er lockert die etwas steife Szenerie formal auf und vermittelt zudem spielerisch zwischen den sozialen Extremen.
Text: Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Wir kommen auf den Hund. Werke aus fünf Jahrhunderten von Dürer bis Dieter Roth. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett, hg. von Hein-Th. Schulze Altcappenberg und Lydia Rosía Dorn, Berlin/Petersberg 2015,
S. 92.