Die Grablegung Mariae
Objektbeschreibung
Mit der Grablegung Mariens endet das irdische Leben der Jungfrau Maria, deren lebloser Körper hier von den trauernden Aposteln Jesu und begleitet von Engeln zu Grabe getragen wird. Genaugenommen ist dies kein wirklicher Tod, denn Mariens Seele wird in Gestalt eines Kindes (animula) von Jesus Christus in den Himmel gebracht: Dieses Ereignis ist hier im Zentrum des Bildes hinter dem Grab dargestellt.
Im Sommer 1819 wurde das Werk als byzantinisch oder altitalienisch im »Zweiten Florentinischen Zimmer« der Sammlung Solly geführt. Der Eintrag in das 1823 von Aloys Hirt nach dem Erwerb für das künftige Berliner Museum erstellte Inventar findet deutlich rühmendere Worte, denn hier erscheint die kleine Tafel als ein Werk des herausragenden Meisters der italienischen Malerei des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts: Giotto. In Dantes Göttlicher Komödie (die noch zu Lebzeiten des Malers geschrieben wurde), in Giorgio Vasaris Vite (den 1550 und 1568 veröffentlichten Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten) und bei vielen weiteren Autoren galt Giotto als Vater der italienischen Malerei. Viele Kunsthistoriker schrieben ihm daher zahlreiche Werke mit Goldgrund zu, auf denen das Bemühen um eine gewisse Raumwirkung zu erkennen war. Auf unserer Tafel wird das Grab der Jungfrau Maria tatsächlich perspektivisch dargestellt, auch wenn die räumliche Verkürzung nur in Ansätzen erfolgt.
Bereits 1830 relativierte Gustav Friedrich Waagen das Urteil von Hirt; er schrieb die Tafel der »Schule von Giotto« zu und integrierte sie in die Studiengalerie, die nur auf Anfrage zugänglich war und in der Werke mehr wegen ihrer historischen als ästhetischen Bedeutung präsentiert wurden. 1884 gab man die Verbindung zu Giotto vollständig auf und sah die Tafel nicht mehr als bedeutsam genug an, um in der Berliner Galerie zu verbleiben: Wilhelm Bode schickte sie an die Kunstsammlung der Universität Göttingen, wo sie bis 1975 blieb. In der Folge zeichnete Bode für den Erwerb einer anderen Grablegung Mariae für die Gemäldegalerie verantwortlich, die tatsächlich von Giotto gemalt war – für den Lettner der Florentiner Kirche Ognissanti. Im Vergleich zu Giottos Werk fehlen unserem Bild die starke Raumwirkung und die Dramatik. Es wird heute einem Schüler von Andrea Orcagna zugeschrieben, der Meister des San Niccolò-Altares genannt wird, da er ein Triptychon in der Sakristei der Florentiner Kirche San Niccolò Oltrarno gemalt hat. Das langgestreckte Format der Tafel lässt vermuten, dass es der untere Teil, die Predella, eines tragbaren Altares war und möglicherweise als Reliquienschrein genutzt wurde.