Maria mit dem Kind
Objektbeschreibung
In dieser Darstellung der Maria mit dem Kind finden sich zahlreiche liebevolle Details. Da ist zunächst das Antlitz von Maria, das sich ihrem Sohn zuwendet und gerahmt ist von wallendem, lockig rotem Haar. Das Jesuskind ist schematischer gemalt; sein Blick ist entrückt, und es scheint mit seiner rechten Hand nicht – wie in vergleichbaren Werken – einen imaginierten Betrachter zu segnen, sondern eher die Blume in der Hand seiner Mutter. Die Art und Weise, wie es seinen rechten Fuß auf dem unteren Bildrand aufstellt, demonstriert die Bemühung des Malers um perspektivische Verkürzungen, wie auch die Hand der Jungfrau Maria, die ein Buch hält.
Aus diesen Gründen fällt es allzu leicht, über die erste Zuschreibung des Gemäldes in der Sammlung Solly und sogar auch noch nach dem Erwerb für das geplante Berliner Museum zu lächeln: nämlich die Zuschreibung an keinen Geringeren als Leonardo da Vinci. In Preußen war dieser geheimnisvolle Maler berühmt und abwesend zugleich, da keines der Werke in den zahlreichen königlichen und privaten Sammlungen, die traditionell ihm zugeschrieben worden waren, 1815 noch als tatsächliche Werke von ihm galten. Daher drängte es die Experten, Spuren des »echten« Leonardo zu finden und Verweise auf seine Kunst in neu verfügbaren Bildern wie diesem zu erkennen: Viele Aspekte erinnern tatsächlich an die Mailänder Zeit des toskanischen Malers in den beiden letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, von der reduzierten Farbigkeit bis zum Gesicht der Jungfrau Maria mit einem undefinierbaren Lächeln. Aloys Hirt setzte das Bild 1823, als er die Sammlung für das zukünftige Museum vorbereitete, an die Spitze seiner »Klasse« der »Toscaner, aus der Epoche der Reife«.
Eine Restaurierung vor 1828 dämpfte die anfängliche Begeisterung und erklärte die Madonna zu einer Mailänder Arbeit aus der Schule Leonardos. Gustav Friedrich Waagen entschied sich 1830, das Bild Giovanni Antonio Boltraffio zuzuschreiben, einem Mitarbeiter Leonardos. Tatsächlich wurde dieses Tafelbild später häufig mit einer anderen Maria mit Kind der National Gallery in London verglichen, die man allgemein Boltraffio zuschreibt. Allerdings ist die Übereinstimmung des Malstils der beiden Bilder keinesfalls unumstritten: So wurde die Berliner Madonna später einer Gruppe von Werken eines unbekannten, »Pseudo-Boltraffio« genannten Malers zugeordnet. Diese Werkgruppe ist recht heterogen, und unser Gemälde wurde in der jüngeren Literatur nur wenig besprochen: Mauro Natale vergleicht es mit dem Meister von Ercole und Girolamo Visconti, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Mailand und in der Lombardei tätig war. Auf jeden Fall bleibt es ein höchst faszinierendes Werk, nicht nur wegen der früheren Zuschreibung und der Nähe zu Leonardo, sondern auch aufgrund der Qualität des Gemäldes selbst.