Margherita Colleoni (1455-1483)
Objektbeschreibung
Zu den Gemälden, die Solly in Deutschland erwarb, gehört dieses italienische Renaissanceporträt. Im 18. Jahrhundert war es in der Sammlung des Leipziger Bankiers Gottfried Winckler – dort als Werk Giorgiones geführt – und wohl bis 1813 im Besitz von dessen Schwiegersohn Friedrich Rochlitz. Wenig später wurde es zu einem der Hauptstücke im großen »Saal der Römer« von Sollys Schaudepot in der Berliner Wilhelmstraße: Von den drei Leonardo da Vinci zugeschriebenen Werken berücksichtigte Schinkel es als einziges in seiner Spitzenauswahl und taxierte es mit stattlichen 5000 Talern. Johann Heinrich Meyer aus Weimar, wie Rochlitz ein enger Freund Johann Wolfgang Goethes, hielt es bei seinem Besuch in Berlin 1820 – »blühend Colorirt, schön von Zügen, fleißig behandelt« – für »sehr schätzbar und das beste unter den dem Lionardo zugeschriebenen Bildern« der Sammlung, bemerkte aber, es habe »nicht seine gewöhnliche Art zu malen an sich«. Der Nimbus des berühmten Malers blieb dem Bild gleichwohl noch einige Zeit erhalten: Aloys Hirt setzte es bei seiner Auswahl für das Museum 1823 nach der Maria mit dem Kind an die zweite Stelle der Klasse der »Toscaner aus der Epoche der Reife«. Die Museumskommission um Waagen und Schinkel schrieb es 1829 dann sehr vorsichtig der Schule des Leonardo-Schülers Bernardino Luini zu, um es im Museum dann als allgemein »Mailändische Schule, unter Einfluss des Lionardo da Vinci« zu Beginn der Abteilung lombardischer Malerei zu zeigen.
Das Interesse der Berliner Experten ist nicht zuletzt auf die mehrfach ergänzte Inschrift zurückzuführen. Wie diese richtig angibt, zeigt das Gemälde die jung verstorbene Ehefrau Margherita (1455–83) des mailändischen condottiere Gian Giacomo Trivulzio, deren Eltern aus den ebenso berühmten Familien der Colleoni und Visconti stammten. Das Porträt im strengen Vollprofil wurde allerdings lange nach ihrem Tod gemalt – kopiert nach einer unbekannten Vorlage, vielleicht von ihrem Grabmal im allerdings gleichzeitig entstandenen Mailänder Familienmausoleum.
Das heute dem Mitte des 16. Jahrhunderts tätigen Mailänder Maler Girolamo Figino zugeschriebene Gemälde ist also ein Gedächtnisbild, und das in mehrerlei Hinsicht: Zunächst, weil es wohl für eine Ahnengalerie entstanden ist, worauf vergleichbare Gemälde teils derselben Provenienz hindeuten. Tatsächlich wurde es 1764 aus dem Besitz des letzten Nachfahren versteigert, wohl zugunsten einer frommen Familienstiftung. Es erinnert aber nicht nur an die Glanzzeit der Familie Trivulzio im 15. Jahrhundert, sondern auch an die der Mailänder Renaissance Ende des 15. Jahrhunderts: So mag auch die einstige Berliner Assoziation mit Leonardo da Vinci darin begründet liegen, dass der untere Teil ein direktes Zitat der Mona Lisa ist, vor allem in der Haltung der Hände.
Nicht nur in Berlin war das Interesse an Leonardo und seiner Zeit groß: Sicher mit Beteiligung des erwähnten Johann Heinrich Meyer erwarb Johann Wolfgang von Goethe in Weimar fast zur gleichen Zeit ein ähnliches Porträt, das als Werk Giorgiones galt und heute mit dem um 1500 aktiven Leonardo-Schüler Bernardino de’ Conti in Verbindung gebracht wird. Es zeigt Paola Gonzaga, ebenfalls eine in die Familie Trivulzio eingeheiratete Adlige. Auf Vermittlung des mit Solly befreundeten Ministerialrats Schultz ließ Goethe das Gemälde 1822/23 in Berlin von dem auch in der Sammlung Solly beschäftigten Stefano Teoli restaurieren und von Schinkel rahmen – Zeichen für die enorme Wertschätzung dieser als Schlüsselwerke der italienischen Renaissance verstandenen Porträts.
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