Fernsehfamilie
Objektbeschreibung
Gille studierte von 1965 bis 1970 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei den prominenten Malern Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Danach arbeitete er freischaffend als Maler in Leipzig und etablierte sich als einer der führenden Künstler*innen der jüngeren Generation in der DDR. Die „Fernsehfamilie“ fand früh den Weg in die Nationalgalerie (Ost); sie hing 1974 als Leihgabe, als Direktor Willi Geismeier beim Besitzer, den Staatlichen Museen zu Berlin, um die Genehmigung zum Ankauf bat: „Das Gemälde befindet sich seit einigen Monaten leihweise in unserer Ausstellung und hat sich dort als qualitätvoll bewährt. Als Arbeit eines jüngeren Künstlers hält es unsere Sammlung der Gegenwartskunst auf dem laufenden.“ (Geismeier an die Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin, 19.4.1974, SMB-ZA, II A/NG 0260). Hier sitzen die Eltern mit ihrem Kind eng beieinander unmittelbar vor der „Flimmerkiste“. Wir sehen sie von vorn und können nur rätseln, was gerade läuft, während der Fernseher bläuliches Licht auf Gesichter und Kleidung wirft. Alle drei starren gebannt auf den Bildschirm. Ihr Fokus ist genauso eng wie der unsere im Blick auf die Dargestellten, denn sie füllen fast die gesamte Bildfläche aus. Hinten eine gestreifte Tapete, links die Locken der Mutter, unten rechts der bunte Schlips des Vaters – alles außer dem Fernseher ist nebensächlich. Es ist ein humorvoller Blick auf das moderne Leben und eine leichte Kritik am „Glotzen“. | Emily Joyce Evans