Der Frühzug
Objektbeschreibung
Nach vier Jahren kunstgewerblicher Ausbildung in Straßburg sehnte sich Nerlinger 1912 nach der Großstadt: „Ich brauchte härtere Luft, härteren Rhythmus des Lebens, und so blieb nur Berlin“ (Oskar Nerlinger über sich selbst, 1931, in: Oskar Nerlinger. 1893–1969, Ausst.-Kat., Pforzheim/Berlin, 1993, S. 177). In Berlin beendete er 1915 sein Studium und arbeitete anschließend multimedial zwischen freier und angewandter Kunst. Neben figurativen und abstrakt-konstruktiven Werken entstand gleichzeitig bis Mitte der 1920er-Jahre eine Fülle von foto-, typo- und gebrauchsgrafischen Arbeiten. Um 1920 hatte sich Nerlinger dem Kreis um die Galerie Der Sturm angeschlossen, ab 1925 leitete er die Künstlergruppe Die Abstrakten. Die Großstadt war für Nerlinger eine gigantische Maschinerie und in seinen Werken immer wieder Thema. Diesen Eindruck erweckt auch sein Bild „Der Frühzug“, das erste einer ganzen Reihe in Spritztechnik ausgeführter Gemälde, in denen der Künstler durch extreme Perspektiven und simultane Darstellungen die Dynamik der technisierten Arbeitswelt vor Augen führt. Vor einer schemenhaften, aus geometrischen Formen zusammengesetzten Stadtkulisse erhebt sich im Zentrum ein dunkel überwölbter Güterbahnhof mit dem Wort BERLIN in roten Lettern. Lokomotiven mit Anhängern stehen bereit für die Fracht, die unten rechts ein Kran von Schiffen entlädt. Dazwischen ragt ein roter stählerner Funkturm mit hellem Scheinwerfer. Der konstruktive Charakter der Darstellung macht auch vor den Menschen nicht halt, die, aus wenigen schwarzen Strichen geformt, gesichtslos von allen Seiten an ihre Arbeitsstätten strömen. | Maike Steinkamp