Kleine Stehende im Hemd
Objektbeschreibung
Als „Kl. Stehende (Jalowetz) im Hemd“ bezeichnete Marcks die im Werktagebuch für „Gyps & Bronze 1919–1934“ unter Nummer 114 gelistete Figur (Archiv Gerhard-Marcks-Stiftung, Bremen). Die Statuette eines jungen Mädchens mit knöcheltiefem, langärmeligem Hemd, die mit beiden Händen die Haare zu ihrer linken Seite rafft, zählt zu einer umfangreichen Werkgruppe aus Plastiken, Zeichnungen und Druckgrafiken, mit welcher der Bildhauer in den 1930er-Jahren die Textilkünstlerin Trude Jalowetz (später verheiratete Guermonprez; 1910–1976) wiedergab. Ab September 1931 entstanden in nahezu wöchentlichen Modellsitzungen auf Gut Gimritz, dem Wohnort Marcks’ während seiner Lehrtätigkeit in Halle, zahlreiche Skizzen – und eine enge Verbindung Jalowetz' mit Marcks und seiner Familie. Das Originalgipsmodell der „Kleinen Stehenden im Hemd“ befand sich zunächst in der Berliner Gießerei Noack. Ob es sich bei dem vorliegenden Exemplar um dieses Modell handelt, kann nicht abschließend geklärt werden. Höhepunkt der Serie nach Jalowetz und gleichzeitig Inbegriff von Marcks’ stillem Protest gegen das nationalsozialistische Regime ist die verschollene, einst der Nationalgalerie gehörende Figur „Still allein“ (B I 554). Offensichtlich war auch das Originalgipsmodell zeitweise in der Nationalgalerie, als Leihgabe (SMB-ZA, I/472, J.-Nr. 1933/538, sowie das genannte Werktagebuch, Nr. 114). Bereits 1932 nach der Jüdin Jalowetz modelliert steht die in sich ruhende Figur programmatisch für Marcks’ „innere Emigration“ während der Zeit der NS-Diktatur. Die Nationalgalerie tauschte sie beim Künstler gegen dessen heute im Angermuseum Erfurt befindliches Werk „Griechinnen“ (1931) ein. | Yvette Deseyve