Meine Eltern von der LPG
Objektbeschreibung
Viele Maler, die den Ruf von Halle an der Saale als vitales Zentrum für moderne Kunst nach 1945 mitbegründet hatten, hatten die DDR Anfang der 1950er-Jahre aufgrund der Formalismusdebatte verlassen, einer Kampagne, die expressive oder abstrakte Formensprache als bürgerlich dekadent ablehnte. Trotz seiner bewussten Nähe zur Vorkriegsmoderne blieben Abmahnungen durch die Partei für Sitte weitgehend folgenlos. Allerdings zeigte er seine von ihm selbst so bezeichneten „künstlerischen Experimente“, zu denen auch der „Raub der Sabinerinnen“ (A IV 333) gehörte, in dieser Zeit nicht. Sittes Bildnis seiner Eltern von 1962 folgt in Thema und Formensprache dagegen durchaus den politischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus, wobei er sich gleichzeitig der Bildsprache der Neuen Sachlichkeit bediente. In dem Gemälde sitzt das betagte Paar, Josef und Elisabeth Sitte, Schulter an Schulter auf einem altmodischen Sofa. Hinter ihnen hängt eine gerahmte Fotografie der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Peter Scholz“ in Oberorschel, deren Vorsitzender Sittes Bruder Ernst war, wie unter dem Foto zu lesen ist. Ebenso wie der Korb mit Eiern und der Notizblock, auf dem das Paar die Verkäufe dokumentierte, verweist das Foto auf die Arbeit der Eltern. Mit dem Bildnis verortete Sitte sich und seine Familie im sozialistischen Staat. Gleichzeitig schuf er ein Gesellschaftsporträt. Die Darstellung des neubäuerlichen Eheglücks war eines der meistdiskutierten Werke auf der 5. „Deutschen Kunstausstellung“ (Dresden, 1962/1963); wegen seiner „modernistischen Schmierereien“ wurde es verurteilt, für das Sujet aber gleichzeitig offiziell gelobt. | Maike Steinkamp