Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren (Nikaragua)
Objektbeschreibung
Während der Regierungszeit Erich Honeckers von 1971 bis zum Zusammenbruch der DDR entwickelte sich Sitte zu einem der einflussreichsten Künstler und Kulturpolitiker des Landes. So war er zwischen 1976 und 1990 zusätzlich zu seinem Amt als Präsident des Vereins Bildender Künstler (VBK) Mitglied der Volkskammer und von 1986 bis 1990 Mitglied des Zentralkomitees der DDR. Sittes Malerei der 1970er- und 1980er-Jahre fehlt in dieser Periode jegliche kritische Distanz zum Regime der SED. Das aus zwei Leinwänden bestehende Diptychon „Sie wollten nur Lesen und Schreiben lernen (Nicaragua)“ zeigt auf dem oberen Gemälde die Leichen zweier junger Männer, notdürftig von weißen Tüchern bedeckt und auf einem Holzboden liegend. Auf dem unteren Bild ist ein Holztisch zu sehen, mit einer brennenden Kerze, einem Krug, zwei Büchern und beschriebenen Blättern. Hinweis auf den historischen Kontext gibt das als Bild im Bild erkennbare Porträt des nicaraguanischen Bauerngenerals Augusto César Sandino (1895–1934). Dieser hatte Mitte der 1920er- bis Anfang der 1930er-Jahre mit einem Freiwilligenheer erfolgreich gegen die US-amerikanische Okkupation des Landes gekämpft. Seitdem und umso mehr nach seiner Ermordung 1934 galt er als Volksheld und war Namensgeber der linksorientierten, revolutionären Frente Sandinista de Liberación Nacional, die 1979 an die Macht kam. Unterstützt im Wesentlichen von den sozialistischen Staaten, setzte die neue Regierung in den 1980er-Jahren umfassende Reformen durch, unter anderem eine Alphabetisierungskampagne. Die DDR unterstützte die „sandinistische Revolution“ mit Waffen, Krediten und Fahrzeugen. Nicaragua wurde in der DDR zu einem fast mythischen Beschwörungsort des Weiterlebens der kommunistischen Weltbewegung. Auch Sittes Bild ist geprägt von dieser Euphorie, es war einer der offiziellen Höhepunkte der X. „Kunstausstellung der DDR“ (Dresden, 1987/1988). | Maike Steinkamp