Schleppdampfer II
Objektbeschreibung
Glöckners Werke der späten 1920er- und der 1930er-Jahre changieren zwischen Realismus und Abstraktion. Der Künstler selbst merkte an, dass die gegenstandsfreien Konstruktionen jener Zeit aus der Analyse seiner realistischen Bilder erwachsen seien. In diesen hatte er Maßverhältnisse erkannt: horizontale und vertikale Achsen, die die Flächen in Hälften, Viertel oder Achtel unterteilten, welche durch Bildelemente akzentuiert waren (vgl. Hermann Glöckner, Meine Arbeit ist mein Leben, in: John Erpenbeck, Hermann Glöckner. Ein Patriarch der Moderne, Berlin [Ost] 1983, S. 56). Aus dieser Erkenntnis heraus entstanden zwischen 1927 und 1930 mehrere Dampfervariationen, in denen Glöckner die einzelnen Bildelemente geometrisch aufgespalten hat. So arrangierte er in „Schleppdampfer II“ – dem letzten seiner Dampferbilder – das Schiff in einer abstrakten Flusslandschaft, die sich aus unterschiedlich gefärbten weiß-bräunlichen Querstreifen zusammensetzt. Das Schiff selbst ist in rote, schwarze und graue Rechtecke und Kreise zerlegt. In eine Dreiecksform wühlt das Dampferrad das Wasser auf, was die Dynamik der Komposition unterstützt. Glöckner orientierte sich bei der zeichenhaften Konzentration auf die wesentliche Form, auf die abstrakte Vereinfachung alltäglicher Objekte an mathematischen und ästhetischen Formen. Dabei führen seine Konstruktionen nicht die Ideen anderer Konstruktivisten wie Wassily Kandinsky, El Lissitzky, Piet Mondrian oder László Moholy-Nagy fort, vielmehr fand Glöckner für sich einen ganz eigenen Weg. | Maike Steinkamp