Logo

Mann mit Puppe

1974 erworben durch das Land Berlin

FacebookAuf Facebook teilen

Objektbeschreibung

Kokoschka hatte im Sommer 1918 in Dresden eine Ausstellung der Münchner Malerin Hermine Moos gesehen. Bei ihr bestellte er eine lebensgroße und möglichst echt wirkende Puppe von Alma Mahler (1879–1964). 1912 hatte er die Witwe des ein Jahr zuvor verstorbenen Komponisten Gustav Mahler durch einen Porträtauftrag kennengelernt. Es entspann sich eine kompliziert-leidenschaftliche Beziehung, die nach zwei von Kokoschka ungewollten Schwangerschaftsabbrüchen damit endete, dass Alma Mahler den Architekten Walter Gropius (nach der Scheidung von ihm Franz Werfel) heiratete und Kokoschka sich bald nach Kriegsbeginn in selbstmörderischer Absicht zum Einsatz an die Front meldete. Er verarbeitete die Trennung von der als anderes Selbst empfundenen Geliebten unter anderem in den Dramen „Hiob“ (1917) und „Orpheus und Euridice“ (1918). Die nach seinen Vorstellungen geschaffene Puppe erlaubte gewissermaßen – nur halb ironisch – in effigie wieder von dieser Identifikation zurückzutreten. Der Zeigegestus auf das Geschlecht ist womöglich als anklagender Hinweis auf die „Wunde“ der Verfallenheit an Alma Mahler zu verstehen. Jene Geste entspricht dem deutenden Finger auf Kokoschkas Selbstbildnis für die erste Nummer von Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ von 1910. Dort weist der Dargestellte als weltlicher Schmerzensmann auf eine (damals noch imaginierte – vgl. „Die Jagd“, A III 467) Seitenwunde. Das Motiv dieser Lithografie wiederholte Kokoschka ein Jahr nach dem Selbstporträt mit Puppe in einem Ölbild („Der Maler II“, WVZ unter www.oskar-kokoschka.ch [12.2.2021], 1923/9). | Oliver Seifert