Erotik
Objektbeschreibung
Formal schließt Bellings „Erotik“ an seinen „Dreiklang“ (B I 449) an, jedoch sind einzelne Details der zunächst abstrakt wirkenden Komposition deutlicher als figürliche Elemente lesbar. Die als Kreis um einen Hohlraum angelegte Gesamtform entpuppt sich als plastische Ausdrucksformel sexueller Vereinigung. Während im unteren Bereich ein weiblicher Körper durch die Rundungen hervorquellender Brüste und geöffneter Schenkel erkennbar ist, wird die männliche Figur darüber durch spitze Formen und die scharfe Kante eines gespannten Rückgrats charakterisiert. Im Zweikampf von Lust und Gewalt miteinander verklammert, führt die Figurengruppe ein Thema fort, das Belling schon 1916 in „Mann und Weib (Diagonalkomposition)“ sowie „Kampf“ (beide Rudolf Belling Archiv, Krailling) bearbeitet hatte und dem sich 1919/1920 auch die beiden Novembergruppen-Mitglieder Oswald Herzog und Herbert Garbe widmeten. Es entsprach der von Friedrich Nietzsche und Henri Bergson geprägten Auffassung einer dualistischen Welt mit passiven und aktiven Energien, welche die expressionistischen Künstler massiv beeinflusst hatte. Belling, der sich von dem „sentimentalen Geistesschwindel der modernen Schlagwortrichtungen“ distanzierte, schrieb im Entstehungsjahr des Werkes launig an seinen Galeristen, Alfred Flechtheim: "'Erotik', na, das hat jeder mit sich abzumachen. Ich bin vor Jahren an den Ufern eines Krötenpfuhls zur Brunstzeit dazu inspiriert worden. Ein Nervenleidender war meine Begleitung; der Empfindsame zitterte noch stundenlang, nachdem wir den Teich verließen“ (zit. nach Das Kunstblatt, 4. Jg. [1920], H. 12, S. 376). | Dieter Scholz