Der 70. Geburtstag des Waldarbeiters Scharf
Objektbeschreibung
Äußerst ungewöhnlich hat Nagel 1934 den Waldarbeiter Scharf dargestellt, auf den er – folgt man den Erinnerungen des Künstlers (Otto Nagel, Mein Leben, in: ders., Leben und Werk, Berlin [Ost] 1952, S. 38) – bei einem Spaziergang durch den Veltheimschen Gutswald bei Glienicke an der Nordbahn getroffen war. Zu sehen ist der alte Mann vor dem Ausschnitt einer weißen Fachwerkhütte, in Arbeitskleidung gleichwohl entspannt in einem barockisierten Lehnstuhl sitzend. Er füllt, frontal aus dem Bild blickend, den Bildraum nahezu komplett aus. In der rechten Hand hält er seinen zerbeulten Hut, in der linken einen Regenschirm, der ihn vor der Sonne schützen soll. Alles habe falsch gewirkt, wie sich Nagel rückblickend in seinen Erinnerungen über diese Begegnung erinnerte: „Die ganze Art des Menschen paßte gar nicht zu dieser geruhsamen Stellung. Alles stand im Widerspruch. […] Verschmitzt deutete er mir die Situation. Er hatte heute seinen 70. Geburtstag. So lange er zurückblicken konnte, saß er das erstemal untätig an einem Werktag da. Er schien das selbst nicht zu begreifen“ (ebd.). In der Tat ist das Porträt des Waldarbeiters Scharf wohl eines der ungewöhnlichsten Bildnisse eines Arbeiters überhaupt, lässt es sich doch als solches ohne den Titel gar nicht identifizieren. Ganz im Gegenteil gleicht der Dargestellte auf seinem „Thron“ auf den ersten Blick einem unter einem Baldachin sitzenden Herrscher – eine Assoziation, die Nagel in ihrer ganzen Ambivalenz und sozialen Aussagekraft sicher bewusst anregen wollte. | Maike Steinkamp