Portrait of Isabel Rawsthorne Standing in a Street in Soho
Objektbeschreibung
Eine der engsten Freundinnen Bacons war die Malerin und Bühnenbildnerin Isabel Rawsthorne, geborene Nicholas (1912–1992), die seit 1951 mit dem Komponisten Alan Rawsthorne verheiratet war. Sie hatte am Liverpool College of Art sowie an der Royal Academy of Arts in London studiert und lange in Paris gelebt, wo sie sich in den Kreisen von André Derain, Balthus und Pablo Picasso bewegt und Alberto Giacometti Modell gestanden hatte. Im Auftrag Bacons fotografierte John Deakin um 1964 Isabel Rawsthorne, unter anderen in der Dean Street im Londoner Stadtteil Soho. Aus dem Foto übernahm Bacon lediglich das Automobil hinter der Figur und Köpfe von Passanten. In entgegengesetzter Richtung erscheint ein wilder Stier, nach einem Foto von José Suárez, das 1967 in einem englischen Buch über Stierkampf abgedruckt war. Die animalische Energie scheint auf Rawsthorne einzuwirken, wie weiße Farbverwischungen und Spritzer erahnen lassen. Ob Bacon, der homosexuell war, damit auf sein dennoch intimes Verhältnis mit ihr anspielte, oder lediglich Abrieb und Fehlstellen des Fotos aufgriff, muss offenbleiben. Auch der Raum ist verrätselt, eine Kombination aus dem Rund einer Arena oder Bühne und den geraden Linien eines Käfigs oder Schaufensters. Wie Beute darin ausgestellt erscheint die Frau, doch ist sie gleichermaßen eine Matadorin, die das Tuch hinter ihrem Rücken verbirgt und den Stier aufmerksam im Blick behält. Das Leben ein Kampf, die Sexualität als Motor – Bacons Weltverständnis spiegelt sich im Bild seiner Freundin wider. | Dieter Scholz