Herabschreitender
Objektbeschreibung
Den „Herabschreitenden“ schuf Kolbe für den „Ring der Statuen“, sein ambitioniertestes Projekt im Spätwerk, das aus Entwürfen für ein Friedrich-Nietzsche-Denkmal hervorgegangen war. 1941 schloss der Bildhauer mit der Stadt Frankfurt am Main einen Vertrag (posthume Aufstellung des „Rings der Statuen“ im Rothschildpark). Von den vorgesehenen sieben Figuren waren damals erst vier weibliche in Bronze ausgeführt. Der „Herabschreitende“ wurde im Herbst 1940 gegossen; dies war nur möglich, weil Kolbe dafür mehrere ältere Bronzen einschmelzen ließ, da wegen des Krieges ein Gussverbot für Bronzen herrschte. Die Statue war 1940/1941 in Berlin und in München als verkäuflich ausgestellt. In der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München wurde sie 1941 von Walther Funk für 18.000 Reichsmark erworben (Archiv Haus der Kunst, München). Funk war seit 1938 Reichswirtschaftsminister und wurde im Folgejahr auch Präsident der Reichsbank. Unklar ist, ob die große Bronze in einem Gebäude der Reichsbank, dem Ministerium (möglicherweise in einem Garten) oder bei Funk privat aufgestellt war. 1943 wurde das Gipsmodell des „Herabschreitenden“ bei einem Luftangriff in der Berliner Gießerei Noack zerstört. Die geplante zweite Bronze, die für den „Ring der Statuen“ vorgesehen war, konnte deshalb nicht mehr hergestellt werden, sodass die erste Figur ein Unikat blieb. Wie und wann dieses Werk in die Nationalgalerie gelangte, ist in deren Unterlagen nicht dokumentiert. Möglicherweise war der Kunstfahnder Kurt Reutti nach Kriegsende an der Sicherstellung der Statue beteiligt (vgl. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI, HA, NL Reutti, Nr. 7, Bl. 106). | Ursel Berger