Eichelborn Verso: Niedergrunstedt VI (1914)
Objektbeschreibung
Als Feininger 1920 das unweit von Erfurt gelegene Dorf Eichelborn malte, verwendete er die Rückseite der Leinwand, die seine sechste Ansicht von Niedergrunstedt zeigt. Am 9. Juni 1914 hatte er an seine Frau Julia geschrieben: „[…] ich male wieder – ein neues Bild, die schrägstehenden Häuser in Nieder Grunstedt – gewaltige Schräg Construction“ (zit. nach Hans Hess, Lyonel Feininger, Stuttgart 1959, S. 72). Während der Künstler die Häuser Niedergrunstedts in helles Licht getaucht hatte, ließ er Eichelborn in Braun- und Grüntönen ausgesprochen düster erscheinen. Ihn interessierte hier vor allem die Dorfkirche St. Marien. Wie eine schwarze Sonne ist an der oberen Bildkante die Turmkugel zu sehen. Der Helm wird aufgrund der Perspektive durch den steilen Giebel des barocken Langhauses verdeckt, das senfgelb erstrahlt. Mit dessen dunklen Rundbogenfenstern korrespondiert das vorgelagerte Westportal. Seine Öffnung überfängt eine Doppeltreppe, deren Holzgeländer und Dach eine nach oben gerichtete doppelte Pfeilform ergeben. Feininger abstrahierte die gestaffelten Baukörper zu einer Art expressionistischer Filmarchitektur mit bedrohlich wirkenden Schlünden. Die Komposition hatte er bereits am 10. Juli 1913 in einer Kohlezeichnung (Art Institute of Chicago) ausgearbeitet, die in ihrem geheimnisvollen Dunkel an die Werke Alfred Kubins erinnert. An diesen schrieb Feininger aus Weimar: „Es giebt Kirchtürme in gottverlassenen Nestern, die mit das Mystischste sind, was ich von sogenannten Kulturmenschen kenne!“ (Brief vom 15.6.1913, in: Lyonel Feininger – Alfred Kubin. Eine Künstlerfreundschaft, Ausst.-Kat. Altes Rathaus, Ingelheim, 2015, Nr. 12). | Dieter Scholz