Der Dirigent
Objektbeschreibung
Wie eine Festung mutet Kirchners Notenpult an, über dem sich der kantige Körper des Dirigenten erhebt. Die feingliedrigen, wie tastend ausgestreckten Finger, der erhobene Taktstock in seiner Rechten sowie die angespannte Kopfhaltung verweisen auf das Nichtmaterielle hinter dem Motiv: die Musik. Der Kontrast zwischen dem Gewicht des Objekts und der Leichtigkeit der Musik wird durch die brachiale Bearbeitung der Bronze verstärkt, die von Schrunden, Flicken und Furchen bedeckt ist. Kirchner hatte sich autodidaktisch die Technik des Bronzegießens angeeignet und war von 1932 bis zu seiner Ernennung zum Professor für Bildhauerei 1952 Werkstattleiter für Erzguss an der Akademie der bildenden Künste München. Die der Akademie angeschlossene Gießerei entwickelte sich unter Kirchner zu einem kreativen Zentrum, dessen Einfluss bislang nur an wenigen Stellen – wie etwa im Werk seinem Kollegen und Vertrauten Toni Stadlers – in der Forschung aufscheint. Das 1966 vom Berliner Senat für Wissenschaft und Kunst für die Galerie des 20. Jahrhunderts erworbene Werk wird ergänzt durch einen vom Künstler dafür entworfenen Sockel aus grob bearbeitetem Mahagoniholz. Ob es sich bei der Bronze um die Darstellung des nicht unumstrittenen Dirigenten Karl Böhm (1894–1981) handelt, wie eine Notiz der Senatsverwaltung nahelegt, bleibt offen, zumal Kirchner keine offensichtlich porträthaften Züge anlegte. Böhm wurde ein Jahr nach dem Erwerb der Bronze, 1967, der Berliner Kunstpreis zugesprochen. Zwei kleinformatige Studien gehen dem Werk voraus (WVZ Höfert 1987, 197). | Yvette Deseyve