Flacher Torso
Objektbeschreibung
In den Jahren 1926/1927 richtete der russische Künstler El Lissitzky im Provinzial-Museum in Hannover sein „Kabinett der Abstrakten“ ein. Indem er ungegenständliche Gemälde von Piet Mondrian, László Moholy-Nagy und anderen auf feinen Lamellenstrukturen und verschiebbaren Wandpaneelen platzierte, versuchte er die Wahrnehmung des Publikums zu dynamisieren. Auf einem Podest in der Ecke befand sich eine der wenigen Skulpturen des Raums: eine Version des „Flachen Torsos“ des Ukrainers Archipenko. Im Jahr 1914 hatte der damals in Paris lebende Bildhauer vier Variationen dieses Motivs in Gips modelliert. Später entstanden zahlreiche Abgüsse in Bronze, darunter die Ende der 1950er-Jahre gegossene Fassung der Nationalgalerie. Das Motiv des Torsos ermöglichte es Archipenko, von einer detailreichen Nachahmung des Modells Abstand zu nehmen und die Wirkungskraft einzelner formaler Aspekte zu betonen. So akzentuierte er beim „Flachen Torso“ vor allem die Konturen der Figur. Die elegant geschwungenen Bögen von Beinen und Hüften werden in der Brustpartie von abrupten Knicken und Schnitten unterbrochen. Archipenko hat hier weniger ein wiedererkennbares Porträt geschaffen als vielmehr eine Komposition, in der Bogenlinien, Rechteck und Halbkugel in ein austariertes Gefüge gebracht worden sind. Im „Kabinett der Abstrakten“ wurde die Flächigkeit des Werkes hervorgehoben, indem ein Spiegel die Rückseite sichtbar machte, was die konzeptionelle Bedeutung der Konturen unterstrich. | Nina Schallenberg