Nachtstück (Berlin-Südende)
Objektbeschreibung
Als eines der ersten Gemälde von Grosz entstand 1915 in Berlin diese geisterhaft-„verrückte“ nächtliche Großstadtszene: Aufgelöst in Farb- und Formensplitter erkennt man unter der Eisenbahnbrücken im blendenden Licht einer Laterne zwei männliche Gestalten und eine Straßendirne. Wieland Herzfelde, Verleger und Erfinder vieler treffender Titel der späteren Grosz-Mappen, bezeichnete Bilder dieses Genres als „Tragigrotesken der Nacht“ (vgl. sein 1920 im Berliner Malik-Verlag erschienenes Buch). Neben Ernst Ludwig Kirchners nervösen Großstadtbildern (vgl. etwa „Potsdamer Platz“, NG 7/99) waren in dieser Zeit vor allem Ludwig Meidners „Apokalyptische Landschaften“ (vgl. NG 61/61) prägend für Grosz. Nach frühem Fronteinsatz war er infolge einer Stirnhöhlenvereiterung als dienstuntauglich aus dem Militärdienst entlassen worden und wohnte seit Juni 1915 in Berlin-Steglitz. Das pulsierende Nachtleben der Metropole zu Kriegszeiten erlebte er als „Tanz auf dem Vulkan“ und als „Krawall der Irren“. In der Zeitschrift „Die Aktion“ schrieb er gleichfalls 1915: „Wir taumeln. Brennend zwischen grauen Blöcken Häuser. Auf Brücken aus Stahl. Licht aus tausend Röhren umfließt uns, und tausend violette Nächte ätzen scharfe Falten in unsere Gesichter“ (zit. nach Lothar Fischer, George Grosz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1976, S. 36). | Kyllikki Zacharias