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Objektbeschreibung

Carl Cauers lebensgroße Hexe ist auf 1874 datiert, das Modell könnte aber durchaus schon früher begonnen worden sein. Die Skulptur war zunächst angeblich in Paris, Wien und London ausgestellt (nur Paris kann jedoch nachgewiesen werden), wurde dann 1881 der preußischen Landeskunstkommission, die für die Erwerbungen der Nationalgalerie zuständig war, angeboten und auf ausdrückliche Veranlassung des zuständigen Ministers Gossler für die Nationalgalerie angekauft. Gossler beabsichtigte, die Statue im Freien, in den Grünanlagen vor dem Museum, aufstellen zu lassen, was offensichtlich von Max Jordan als zuständigem Direktor verhindert wurde. Jordan vertrat strengere spätklassizistische Positionen und wollte hier andere Werke zur Aufstellung bringen. Die Bearbeitung der Skulptur ist in den Details sehr sorgfältig und materialimitierend, besonders auffällig etwa am Fangnetz am Sockel. Dargestellt ist eine nackte Frau, die sich mit Tieren der Nacht umgibt. Eine Schlange ist über den Oberschenkel geringelt. Eule, Eidechse und Pilze umgeben den Felsblock, auf dem die Frau sitzt. Durch die beiden fledermausartigen Flügel und zwei ins Haar gewundene Schlangen – ein diabolisches Diadem  –  wird sie als »Hexe« gekennzeichnet. In der Körperkrümmung, den angezogenen, überkreuzten Beinen, in der gequälten Blickwendung und im Aufbau über einer runden Grundfläche folgt die Figur nahezu wörtlich, wenngleich seitenverkehrt, der Parze Atropos von Asmus Jakob Carstens (Nationalgalerie). Cauer könnte diese durch die zahlreichen, an verschiedenen Orten Deutschlands aufbewahrten Abgüsse in Gips und Bronze kennengelernt haben. Der formalen Verwandtschaft liegt eine inhaltliche Nähe zugrunde: Die antike Schicksalsgöttin wurde durch Cauer in eine nordische Hexe verwandelt. In beiden Fällen handelt es sich demzufolge um Personifikationen der Mächte des Dunklen, der unterirdischen Kräfte, die auf das menschliche Dasein wirken. Der wesentliche Unterschied liegt allerdings im Gehalt: Carstens formte ein Sinnbild, Cauer eine literarische Gestalt. | Bernhard Maatz