Altes Liebespaar
Objektbeschreibung
In den veristischen Bildern nach 1920 vertiefte der Künstler seine Auseinandersetzung mit den Randfiguren der Gesellschaft. Neben proletarischen Typenporträts widmete sich Dix auch den Themen Prostitution und sexualisierte Gewalt. Aufgrund ihrer grotesken Überzeichnung sorgten diese Bilder für Skandale: Die Präsentationen der Gemälde „Mädchen vor dem Spiegel“ und „Salon II“ (beide 1921; beide verschollen) in Berlin und Darmstadt lösten 1922/1923 Gerichtsverfahren aus, in denen Dix „Unzüchtigkeit“ vorgeworfen wurde. Am Ende wurden beide Prozesse eingestellt. Die ungeschönte Wiedergabe von Sexualität steht auch im Zentrum von „Altes Liebespaar“. Allerdings hat Dix das Sujet hier allegorisch zu einer Vanitas-Darstellung erhoben. In einem durch Glut spärlich beleuchteten Innenraum hält ein sehnig-ausgemergelter Greis eine Frau im Arm, deren Alter nicht eingeschätzt werden kann: Ihr glattes Gesicht passt nicht zu dem schlaffen und zugleich aufgeschwemmt wirkenden Körper. Zwar sind ihre Augen geöffnet, aber die Farbe ihrer fleckigen Haut und ihre Teilnahmslosigkeit lassen sie eher tot als lebendig erscheinen. Angereichert wird die Szene mit der Bildsprache christlicher Ikonografie. Eine Leiter und Stangen im Hintergrund sowie ein weißes, Falten werfendes Tuch lassen an Kreuzabnahme und Grablegung denken: ein auf Kontrasten und Widersprüchen basierender männlicher Blick auf Eros und Tod, Sexus und Vergänglichkeit. | Sven Beckstette