Selbstbildnis mit Einglas
Objektbeschreibung
Wir sehen ein pathetisches Selbstporträt des 25-jährigen Schmidt-Rottluff. Es steht im Gegensatz zu Max Liebermanns eitel-gelassenen Selbstdarstellungen (vgl. FNG 212/14), ist aber dem „Selbstbildnis“ von Ludwig Meidner (vgl. B 8) vergleichbar: Der junge Maler steht vor einer gelben, rot geränderten Wanddekoration, die ihn wie eine Thronlehne hinterfängt, ein Auge ist zugekniffen, das andere hinter dem weißen Glas des Monokels nicht sichtbar, die Finger der rechten Hand, die traditionellerweise auf Künstlerporträts den Pinsel halten, bilden bei Schmidt-Rottluff ein Rund, einer Meditationshaltung gleich, und korrespondieren so mit der Form des Monokels. Die Lippen sind entschieden zusammengepresst. Wie in dem Bildnis von Meidner liegt der Schwerpunkt der Darstellung bei den Augen und der Hand, hier kommt die Betonung von Intellekt, Würde und Willensstärke hinzu. Schmidt-Rottluff war ein selbstbewusster Einzelgänger, auch innerhalb der Künstlergruppe Brücke. „Aus irgendwelchen Mißverständnissen war ich damals in der ‚Br.‘ gerade mal völlig isoliert“, berichtete er rückblickend über die Situation von 1910 (Brief an Max Sauerlandt, 13.12.1931, zit. nach Karl Schmidt-Rottluff. Retrospektive, Ausst.-Kat., München, 1989, S. 81). 1910 hatte sich nach einer Welle von Zurückweisungen durch die Jury der Berliner Secession unter Max Pechsteins Leitung die Neue Secession gegründet, der auch die Maler der Brücke kurzzeitig angehörten. | Angelika Wesenberg