Nacht über Deutschland
Objektbeschreibung
Die Wirkungsmacht des Bildes wurde 1947 bei seiner ersten Präsentation in der Berliner Galerie Franz deutlich. Hier hatte der Künstler ein Meisterwerk erschaffen, „dessen Anklage aufwühlt, dessen Stummheit spricht“ (Nacht-Express, 15.4.1947). Der Kunsthistoriker Edwin Redslob nannte das düstere Triptychon, das mit seinem Bezug zur christlichen Malerei auch deren Antithese formulierte, den „Altar der Hitlerzeit“ (Der Tagesspiegel, 12.4.1947). Die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus fiel brutal aus und zielte auf die schonungslose Aufdeckung der Verbrechen. In der Mitteltafel hat Strempel eigene Lagererfahrungen verarbeitet – sie legt die Barbarei in den KZs offen. Der linke Flügel stellt die Angst im Bunker während der Bombennächte dar, der rechte zeigt eine versteckte jüdische Familie. Lediglich die Predella deutet mit dem Widerstand im Untergrund die vage Hoffnung auf Befreiung an. Adolf Jannasch schlug noch im selben Jahr die Erwerbung für die Berliner „Galerie des 20. Jahrhunderts“ vor. Wie zaghaft die Aufarbeitung des Naziterrors war, zeigt die Geschichte des Flügels zur Judenverfolgung. Während hier die gelben Sterne auf der Brust der Eltern nur angedeutet sind, war in der ersten Fassung die Beschriftung „Jude“ klar erkennbar (Horst Strempel, Ausst.-Kat. Galerie Franz, Berlin, 1947, o. S.). Die Mutter blickte die Betrachter:innen voller Entsetzen an und schien um Hilfe zu rufen. Diese plastische Darstellung war wohl zu viel: Nach Intervention Jannaschs gestaltete Strempel sie um. Wie Hans Grundigs „Den Opfern des Faschismus“ (um 1947; Galerie Neue Meister, Dresden) gehört „Nacht über Deutschland“ zu den Hauptwerken der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem NS-Staat, verschwand jedoch für Jahrzehnte im Depot. | Sven Haase