Frau in einem Sessel
Objektbeschreibung
Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs am 24. Juni 1939 gemalt, zeigt das kleine Ölbild wie auch der vier Monate später entstandene „Gelbe Pullover“ (NG MB 67/2000) Dora Maar (1907–1997) in einem Stuhl sitzend. Auch wenn Picasso für die Darstellung eine hieratische Haltung gewählt hat, die an die Ikonografie mittelalterlicher Madonnen erinnert, so wirkt die zierliche Frau doch kindlich und hilflos, als sei sie völlig verlassen in dieser Welt. Der Eindruck des Verlorenen ergibt sich insbesondere auch durch die flüchtige und scheinbar schnelle, „behelfsmäßige“ Malerei. So schaut die ungrundierte Leinwand an vielen Stellen, vor allem aber im Umfeld der Figur hervor und macht jede Illusion einer kohärenten Darstellung zunichte. Die aufgetragene Farbe erzielt eine starke Eigenwirkung, die erst in zweiter Linie deskriptiv ist. Das pastose Weiß in der rechten Bildhälfte steht ruhig und flächig gegen die unruhigen Pinselstriche links, eine instabile, hereinbrechende Energie, die das Bild zu kippen scheint. Weiß mit leichtem rosa Schimmer ist auch das Inkarnat der jungen Frau, das zugleich als ein breites Band erscheint, das den Körper zusammenhält. Dahinter und daneben figurieren die schwarzen Flächen wie ein drohender Schatten. Die phallische Ausformung des Kopfes mit der nach rechts versetzten Nase bleibt starr und ohne vitalisierende Wirkung. Der Gesamteindruck ist der eines Zusammenbruchs. | Angela Schneider