Logo

Flandern (Wohin in dieser Welt?)

Erworben mit Unterstützung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, der Bundesrepublik Deutschland und der Kulturstiftung der Länder

FacebookAuf Facebook teilen

Objektbeschreibung

Den Überfall Deutschlands auf Belgien erlebte Radziwill im Mai 1940 als Kriegsberichterstatter eines Panzerbataillons mit. In seinem Haus in Dangast entstand anschließend die erste Fassung des Bildes mit der zunächst fast idyllisch wirkenden Tiefebene des flandrischen Belgien und dem Höhenzug des Kemmel. Allerdings waren im Vordergrund bereits Grabkreuze mit Soldatenhelmen und eine Ruine zu sehen. Ein Fliegerangriff veranlasst Menschen und Tiere zur Flucht, worauf der ursprüngliche Titel, „Wohin in dieser Welt?“, anspielt. In Reaktion auf die geschichtlichen Ereignisse in Deutschland überarbeitete Radziwill das Gemälde 1940–1950. Er fügte rechts zwei Bomber vom Typ Junkers 87 hinzu, links zwei Flugzeuge, die wohl den US-amerikanischen Begleitbomber Lockheed P-38 „Lightning“ meinen. Ein Riss durchzieht Himmel und Erde, cherubimartige Wesen gleiten wie Fallschirmspringer herab, ein blasser Sonnenball und ein florales Ornament schweben über der Szene. Damit vollzog Radziwill den Schritt vom magischen Realismus zu einem apokalyptisch-surrealen Symbolismus. Der Stilwandel hatte auch biografische Hintergründe. Denn zerrissen, wie der Himmel auf seinem Gemälde erscheint, war auch Radziwills Karriere: Bis 1931 noch Mitglied der politisch links stehenden Novembergruppe, trat er 1933 in die NSDAP ein und wurde 1935 Propagandaleiter der Ortsgruppe Dangast. 1937 wurde er in der Ausstellung „Entartete Kunst“ angeprangert, 1939 kaufte das Luftgaukommando München einige seiner Werke, 1941 wurden seine Bilder in der „Großen Gau-Ausstellung Weser-Ems“ in Oldenburg abgehängt. Im Entnazifizierungsverfahren 1949 wurde Radziwill als „entlastet“ eingestuft. | Dieter Scholz